Ein Brüllaffe hangelt im Baum.

Zufluchtsort für Brüllaffen: Ein Erfahrungsbericht aus Costa Rica – Teil 1

Die Wildtierärztin Kim Laura Lange hat für ein halbes Jahr ein Volontariat als Assistenztierärztin im International Animal Rescue Center (IAR) in Costa Rica gemacht, wo ihr besonders die Brüllaffen ans Herz gewachsen sind. Hier schildert sie ihre Erlebnisse.

Ein Brüllaffe hangelt im Baum.
Ein Brüllaffe hangelt im Baum. © Kim Lange
Ein dunkles Grollen reißt mich aus dem Schlaf. Schon wieder ein Gewitter? Ich öffne meine Augen, sanftes Licht dringt in mein Zimmer, die Vögel zwitschern, ein neuer Tag bricht an. Kein Anzeichen für Regen. Das entfernte Grummeln stammt von einem männlichen Mantelbrüllaffen (Allouatta palliata), der sein Territorium verteidigt. Ein modifizierter Hyoidknochen macht dieses Geräusch möglich. Wir Menschen haben ihn auch, wir brauchen ihn zum Sprechen, aber er ist bei uns weitaus kleiner ausgebildet. Mit diesen eindrucksvollen Tieren darf ich das nächste halbe Jahr arbeiten und immer mehr über sie lernen, bis sie mir so sehr ans Herz wachsen werden, dass mir jedes Brüllen, egal wie früh morgens, ein Lächeln aufs Gesicht zaubern wird.
Kim Laura Lange in Costa Rica
Kim Laura Lange im Dschungel Costa Ricas © Kim Lange

Eine besondere Gefahrenquelle

Vor meinem Aufenthalt bei International Animal Rescue Costa Rica in Nosara auf der Nicoya-Halbinsel wusste ich nichts über die verschiedenen Arten von Brüllaffen, die in Zentral- und Südamerika verbreitet sind und schon gar nicht über die für sie größte Bedrohung, die wir Menschen verursachen: Stromleitungen. Diese sind hier in Zentralamerika überwiegend nicht isoliert. Die Affen nutzen sie, um Straßen zu überqueren, wenn kein Baum in der Nähe ist. Denn unten lauern Hunde und Autos, zwei weitere, potenziell tödliche Gefahren für diese sanften Geschöpfe. Wenn sie klettern, nutzen sie ihren greiffähigen Schwanz wie eine fünfte Gliedmaße zum Festhalten und für Balance.
Die Gefahr: Sobald sie zwei verschiedene Leitungen gleichzeitig berühren, fließt Strom durch ihren Körper und das ist in jedem Fall schlecht für den Affen. Die Stärke der Schäden hängt dann von vielen weiteren Faktoren ab, wie Stromstärke, Stromart, Wetterverhältnisse oder auch die individuelle Fitness der Tiere. Langzeitfolgen sind nicht selten und kaum zu verhindern.

Die Anfänge des Rettungszentrums

Zurück zum International Animal Rescue Center. Alles fing an mit Brenda Bombard. Sie war es, die die Notlage der Brüllaffen erkannte und anfing, sie bei sich zu Hause zu pflegen und wieder auszuwildern. Sie gründete vor über 20 Jahren das „Refuge for Wildlife“. Brenda widmete diesen atemberaubenden Geschöpfen ihr gesamtes Leben. Ihre Leidenschaft, Gutmütigkeit und Durchsetzungsfähigkeit hat mich sehr geprägt und inspiriert.
2017 übernahm International Animal Rescue (kurz IAR), eine NGO aus England, die an verschiedenen Standorten auf der Welt Wildtieren in Not hilft, die Wildtierklinik und gab ihr ihren heutigen Namen. Seit über 7 Jahren ist Dr. Francisco Sánchez Murillo in Costa Rica der leitende Tierarzt und Direktor. Er ist Wildtier-Spezialist und erkennt innerhalb weniger Sekunden, ob ein Tier einen Stromschlag erlitten hat. Von ihm durfte ich in dem halben Jahr unglaublich viel lernen. 2024 ist das Center umgezogen und ist nun ausgestattet mit einer richtigen Klinik für eine professionelle 24/7-Betreuung der Patienten, großen Außengehegen und einem „Kindergarten“ für die Aufzucht der Affenbabys, um den Bedürfnissen der Tiere gerecht zu werden.
Wenn ihr mal in der Gegend seid, nehmt unbedingt an einer geführten Tour durch die „Sanctuary“ (dt.: Zufluchtsort) teil. Ihr werdet viel lernen und helft mit dem Eintrittsgeld lokalen Wildtieren in Not. Stellt euch jedoch auf die merkwürdigsten Geräusche ein, wie rhythmisches Pfeifen (Graubrust-Pfeifgans, Dendrocygna autumnalis), gefolgt von einem „Hola“ (Amazonen, Amazona spp., die illegal gehalten wurden) und Rascheln aus allen Richtungen.
Verletztes Brüllaffenbaby
Ein verletztes Brüllaffenbaby wird behandelt © Kim Lange

Wer schafft es zurück in die Wildnis?

Hier werden die Tiere betreut, die leider nicht mehr auszuwildern sind, z.B. ehemalige Haustiere, wie der Wickelbär Marty, oder Tiere, die durch Stromschläge oder andere Ursachen in ihrem Verhalten zu stark eingeschränkt sind, um ein artgerechtes Leben in der Wildnis zu führen. Die Frage, ob wir das immer so „richtig“ entscheiden und überhaupt entscheiden dürfen, wird mich wahrscheinlich mein gesamtes Leben begleiten. Würde ein Tier nicht lieber eine Sekunde in der Wildnis statt eines Lebens in einem Käfig wählen? Ich weiß es nicht, denke jedoch, dass die Antwort je nach Charakter des Tieres und seinen bisherigen Erfahrungen im Leben unterschiedlich ausfallen könnte.
Was ist eure Meinung dazu? Diskutiert gerne mit auf dem Nepada Wildlife Instagram oder Facebook Kanal.
Im nächsten Teil von Kims Erfahrungsbericht erfahrt ihr mehr über die Brüllaffen und ihre Lebenssituation. Stay tuned!
Ein Brüllaffe im Baum
Ein aktiver Brüllaffe im Baum © Kim Lange
Interessiert ihr euch auch für einen Volunteering-Einsatz für den Artenschutz? Dann findet ihr hier eine Liste empfehlenswerter Organisationen.
Kim Lange Team Portrait
Kim Lange

Tiermedizinerin mit Wildtierschwerpunkt

berichtet von ihren Volunteering-Erfahrungen im Dschungel