Ankunft in Uatumã

Morgens früh um 6 Uhr machen Jannes und ich uns mit Cassio, einem einheimischen Vogelkundler und Biologen des renomierten Forschungsinstituts INPA (National Institute of Amazonian Research) auf den Weg in Richtung Dschungel. Wir haben keine Ahnung, wohin es geht, nur eine vage Richtungsangabe von Cassio. Ich lernte den Biologen letztes Jahr auf einem Kongress in Mexiko kennen und bin im Nachhinein sehr froh, dass er uns Einblicke in die Wälder Amazoniens gewährte, die uns als normal Touristen verwehrt geblieben wären. Auch, wenn der verplante Ornithologe uns während der Reise den ein oder anderen Nerv raubte.

Mit Gummistiefeln und leichtem Gepäck sitzen wir nun also in einem fremden, vollgestopften Kleinwagen in Richtung Regenwald. Ich weiß nicht, wohin es geht oder wie lange es dauern wird, aber (noch) bin ich sehr gespannt. Während der sechsstündigen Autofahrt schallt durchgehend das Acoustica Album der Scorpions durch das blecherne Autoradio, absolute Lieblingsband der Brasilianer und Begleiter auf unserer gesamten Reise. Beim fünften Mal »Wind of Change« pfeift Jannes innbrünstig mit. Dicht an mich gequetscht sitzt ein einheimischer Junge. Er kratzt sich immer wieder die trockene, aufplatzende Haut an den Beinen. Auch seine großen kreisrunden Wunden an Knie und Hand fallen mir direkt ins Auge. Ich versuche, nicht über die Ursache dieser eiternden Wunden nachzudenken, und gucke vehement aus dem dreckigen Autofenster. Später erfahre ich von Cassio, dass es sich bei den Wunden des Jungen um Leishmaniose handle, eine Parasitose, die hier im Regenwald um Manaus sehr häufig vorkommt und von Sandmücken übertragen wird. Unbehandelt endet die Krankheit oft tödlich, offene Geschwüre sind nur eine Begleiterscheinung. Ich muss schlucken.

In den Wäldern hier warten nicht nur spannende Affen, schöne Vögel und riesige Bäume auf uns, sondern auch fiese Parasiten und andere unangenehme Gäste.

Wir erreichen den kleinen Ort namens Itapiranga und in meinem Kopf singt Klaus Meine lauthals »Rock you like a Hurricane«. Nach einer kleinen Stärkung, geht es von hier aus mit dem Boot weiter. Aber erst, nachdem der Restaurantbesitzer Jannes stolz einen riesigen knöchernen Kaiman-Schädel präsentiert und wir in einem winzig kleinen Store, der einfach alles von Klobrillen bis Flip Flops anbietet, zwei Hängematten kaufen, da man hier nie weiß, wo man als nächstes schläft.

Als wir auf einem kleinen Motorboot am Ufer vorbeischnellen und die Zivilisation hinter uns lassen, sind schlagartig alle Strapazen der bisherigen Anreise vergessen. Wir befinden uns auf dem Uatumã River, einem Schwarzwasserfluss und Nebenarm des Amazonas. Die Region zeichnet sich besonders durch die großen Überschwemmungswälder aus. Zehn Monate im Jahr ist ein Großteil des Ufergebiets überflutet, die Bäume stehen teilweise bis zu 12 Meter im Wasser. Ein ungewöhnliches Bild, wenn nur die Baumkronen aus dem Wasser ragen. Dass Schwarzwasserflüsse einen besonders hohen Säuregehalt aufweisen und arm an Nährstoffen sind, ist auch an den Wäldern hier erkennbar. Die Bäume sind nicht so üppig und grün, wie am Amazonas. Außerdem treffen wir hier auf weniger Tiere. Aber das Gefühl, mit dem Boot über Waldboden zu fahren, zwischen Ästen und Bäumen hindurch, ist einmalig.

Stundenlang fahren wir mit einem kleinen Motorboot den Uatumã Fluss entlang und lassen die Zivilisation hinter uns.

Die Dämmerung bricht über Uatumã ein und wir erreichen endlich unser Ziel. Eine halbe Ewigkeit sind wir nicht mehr an Häusern oder Landwirtschaft vorbeigekommen. Ein kleines grünes Haus taucht am Ufer vor uns auf. Zielsicher steuert unser Bootsmann darauf zu. Ein junges Mädchen lehnt am Fenster und schaut uns erwartungsvoll an. Der Ort strömt eine ganz besondere Ruhe aus. Überwältigt von diesem unerwarteten, schönem Fleck Erde, steigen wir aus unserem kleinen Boot und lernen Jean kennen. Er lebt mit seiner Familie weit draußen am Uatumã River, und betreibt zusammen mit IDESAM, einer brasilianischen NGO, dieses kleine Eco-Resort. Er kocht für uns, baut sein Essen selbst im Garten an und zeigt uns in den nächsten Tagen die Geheimnisse der Igapo-Wälder. Am Ende unseres Aufenthalts bei Jean, entsteht eine besondere Freundschaft zwischen uns und seiner Familie. Auch wenn wir kein Wort des anderen verstehen können, wird viel gelacht, erzählt und sich gegenseitig geholfen

Jean lebt mit seiner Familie weit ab von der Zivilisation in diesem kleinen Haus. Alles, was sie zum Leben brauchen.
Hannah, Jean, Jannes und Cassio.
Dieser kleine Fleck Erde strahlt eine ganz besondere Ruhe aus. Weit weg von der Zivilisation hört man den Dschungel nachts rufen und sieht Flussdelfine in den Sonnenuntergang schwimmen.
Hannah
nepadawild@gmail.com
No Comments

Post A Comment