Die Killerbienen

Um 5:30 Uhr werde ich unsanft aus dem Schlaf gerissen. »Levantarse Hannah! Tenemos que ir.«, die Arbeit ruft. Da sind mir die Brüllaffen am Morgen lieber. Ungelenk schäle ich mich aus dem Moskitonetz und schlüpfe in meine lange Hose. Irgendwie irre bei 40 Grad in langen Klamotten herumzulaufen, aber im Wald mit all den Moskitos, Wespen und Ästen, die die Haut zerkratzen, werde ich mich bedanken. Die Gummistiefel klopfe ich zur Sicherheit nochmal aus, bevor ich hineinschlüpfe. Nicht, dass sich wieder ein Skorpion im Zelt versteckt hat. Heute liegt ein langer, anstrengender Tag vor uns: Eine sechs stündige Wanderung durch den Dschungel zur Kontrolle zweier Papageiennester. Um noch vor der extremen Mittagshitze zurück am Camp zu sein, starten wir schon um 6 Uhr. Doch vorher gibt es ein ausgiebiges Frühstück mit frisch gebackenen Tortillas, Bohnen und Rührei mit Wurst.

Field Technician Pedro, Tierarzt Picho und ich machen uns auf den Weg. Antonio muss am Camp bleiben, um die Papageienküken zu versorgen. Pedro ist mit einem großen Sack bepackt, aber nein ich darf ihm nichts abnehmen. Wahnsinn wie schnell und leichtfüßig er durch den Wald läuft. Anfangs habe ich noch Probleme mitzuhalten, aber nach einiger Zeit gewöhne ich mich an das Tempo.

Leichtfüßig und schwer bepackt stapft Pedro voran.

Ich laufe besonders aufmerksam durch den Dschungel. Muss genau aufpassen, wohin oder worauf ich trete, wo ich meine Hände habe und wann ich mich bücke. Überall sind versteckte Wurzeln, stachelige Bäume oder dornige Äste im Weg. Leider ist Pedro einige Köpfe kleiner als ich, sodass ich, obwohl er vor mir den Pfad mit seiner Machete freimacht, trotzdem noch alle Spinnennetze ins Gesicht bekomme oder auf dem Boden krabbeln muss, um durch das Dickicht zu passen. Eine schweißtreibende Wanderung. Umso verwunderter bin ich, als wir auf eine Lichtung gelangen. Eine weitere Ausgrabungsstätte. Uralte Maya-Kunstwerke und Bauten präsentieren sich uns. Wir befinden uns hier nämlich im Maya-Biosphären-Reservat. Die Archäologen grüßen uns freundlich.

Mitten im Dschungel tauchen riesige Steine aus der Maya-Zeit auf.

Nach 90 Minuten haben wir das ersten Nest eines Ara Pärchens erreicht. Der Nationalpark Laguna del Tigre in Guatemala ist Brutregion der mittelamerikanischen Unterart der hellroten Aras (Ara macao cyanoptera). Die Tiere nisten hauptsächlich im Cariba-Baum, eine Akazienart, die viel Wasser benötigt und bis zu 50 Meter in den Himmel ragt. Da durch den Nationalpark zwei große Flüsse fließen, gibt es hier viele Akazien. Alte Astlöcher in 15-25 Meter Höhe dienen den Aras als Nesthöhle. Da aber auch Laguna del Tigre von extremer Abholzung und Brandrodung betroffen ist, hat die WCS begonnen weitere Nistkästen aus Holz in den Akazien aufzuhängen, um den Papageien weitere Nistmöglichkeiten zu bieten.

Misstrauisch beäugt uns das Ara-Pärchen hoch über unseren Köpfen.

Eigentlich hat die Brutsaison schon längst begonnen und Pedro wundert sich, warum das Ara-Paar in der Baumkrone der Akazie noch nicht in das Nest eingezogen ist. Seine böse Vermutung bewahrheitet sich: ein Bienenschwarm besetzt das Nest. Die Ostafrikanische Hochlandbiene (Apis mellifera scutellata), eine invasive Art, die vor Jahren auch nach Mittelamerika eingeschleppt wurde, stellt ein großes Problem für die Nistsaison der Aras dar. Die Bienenschwärme konkurrieren mit den Vögeln um die gleichen Nester und sind sehr aggressiv. Sie können die kleine Araküken ohne Probleme töten und das Nest besetzen. Deswegen müssen Pedro und die anderen Technicians regelmäßige alle 62 bekannten Nester kontrollieren und sie eventuell von den aggressiven Bienenvölkern befreien.

Wahnsinn, wie schnell er den Stamm hinauf klettert. Eine wirklich gefährliche Angelegenheit.
Trotz Schutzanzug, bekommt er einige Bienenstiche ab.

Ich traue meinen Augen nicht, als Pedro mit dem dicken Bienen-Schutzanzug und der Kletterausrüstung problemlos den kahlen 20 Meter hohen Stamm hinaufklettert. Kein Ast weit und breit, er muss sich aus eigener Kraft hinauf stemmen und trotzdem ist er in weniger als zwei Minuten oben. Ich bin sprachlos. Und bekomme ziemlich Schiss, als das wütenden Summen der Bienen immer lauter und lauter wird. Ängstlich ziehe ich mich etwas weiter in den Wald zurück.

Behutsam versucht er, den Bienen-Schwarm aus dem Ara-Nest zu vertreiben.

Nach zwanzig Minuten hat Pedro es geschafft. Schweiß gebadet und außer Atem steht er wieder neben mir auf dem Boden. Er hat trotz Schutzanzug ein paar Bienenstiche abbekommen, einen direkt unterm Auge. Das muss höllisch weh tun, aber er tut es ganz locker ab. Wahnsinn, was die Jungs hier für eine Ausdauer haben. Und das war erst das erste Nest. Aber ich habe das Gefühl die Technicians würden alles für diese Vögel tun. Die hellroten Aras sind für sie etwas ganz Besonderes und sie sind stolz jeden Tag etwas zum Schutz der majestätischen Riesenpapageien beizutragen. Ein tolle Einstellung. Von ihnen kann ich noch einiges lernen.

Ein Ara verlässt sein Baumhöhlen-Nest.
Hannah
nepadawild@gmail.com
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