Küstenseeschwalbe

Faszinierende Tierwanderungen

Küstenseeschwalbe
Küstenseeschwalbe fliegen von Pol zu Pol © Guerrero de la Luz (Pexels)

Sie gehören zu den spektakulärsten Naturschauspielen auf unserem Planeten: die Wanderungen von Tieren. Egal ob an Land, in der Luft oder im Wasser, überall auf der Erde sind Tiere unterwegs. Wir möchten euch mitnehmen auf eine Reise rund um die Welt. Warum wandern Tiere und welchen Gefahren und Herausforderungen müssen sie sich stellen? Denn nicht nur die Tiere selbst, sondern auch ihre Wanderungen sind zunehmend durch den Einfluss des Menschen bedroht. Kommt mit und folgt dem Gnu mit den Regenfällen Ostafrikas, dem Buckelwal aus der Arktis in wärmere Gewässer und der Küstenseeschwalbe von Pol zu Pol.

Was genau sind Tierwanderungen?

Tier-Migration (Synonym für Tierwanderungen) ist die aktive und zielgerichtete Ortsveränderung von Populationen. Hierbei wird zwischen verschiedenen Habitaten gewechselt, meist periodisch.

Gnu
Gnus folgen den Regenfällen Ostafrikas ©Norman Schöne

Beginnen wir unsere Reise im Osten Afrikas, in der südlichen Serengeti. Hier bringen im Februar und März zahlreiche Gnus ihre Kälber zur Welt, denn in diesem Zeitraum sind die besten Bedingungen dafür. Regenfälle haben das Land ergrünen lassen, sodass genug Nahrung vorhanden ist und die Mütter genug Milch produzieren können. Mit Einsetzen der Trockenzeit im Mai beginnen sie dann ihre Wanderung, zusammen mit Zebras und Antilopen, die sogenannte Great Migration. Die Tiere wandern nach Norden bis in die Masai Mara in Kenia und folgen dabei dem Regen und somit auch der Nahrung. Ab November kehren sie zurück in den Süden, wo die Reise erneut beginnt.
Buckelwale verbringen den Winter in Äquatornähe oder anderen tropischen Gewässern. Hier bringen die Kühe ihre Kälber in der Sicherheit der warmen Gewässer zur Welt und säugen sie. Da es in den tropischen Gewässern aber nicht genug zu fressen gibt, müssen die Tiere mit einsetzendem Frühling in kältere, nahrungsreichere Gewässer wandern. Hier fressen sie sich genug Reserven an für den weiten Weg zurück in ihre tropischen Winterquartiere.
Wal im Meer
Buckelwale wandern zwischen der Artktis und tropischeren Gewässern © Thomas Kelley / unsplash.com

Die längste bekannte Tierwanderung unternimmt die Küstenseeschwalbe. Denn sie erlebt – salopp formuliert – keinen Winter. Die Vögel brüten im Sommer auf der Nordhalbkugel, zum Beispiel auf Grönland. Hier bieten ihnen die Meere genug Nahrung zur Aufzucht der Küken. Für die Küken ist es nicht zu kalt und sie können schnell wachsen und sich genug Reserven für ihre lange Reise anfuttern, denn sobald der Herbst einsetzt, beginnen sie ihre Reise in die Antarktis, um dort unseren Winter und den dortigen Sommer zu verbringen. So können sie durch die Sommer an beiden Polen und die damit verbundenen langen Tage mit ununterbrochenem Sonnenlicht viel länger auf Nahrungssuche sein.

Warum wandern Tiere?

Diese drei Beispiele zeigen, dass es verschiedene Gründe für Tierwanderungen gibt. Da ist zum einen das Aufsuchen günstigerer Habitate für Nahrung und Aufzucht der Nachkommen. Andere Wanderungen dienen dem Schutz oder dem Aufsuchen nächtlicher Ruhequartiere. Ein weiterer Grund sind die sich ungünstig ändernden Bedingungen im Lebensraum, zum Beispiel an Küsten aufgrund der Gezeiten. Ein vierter Punkt ist die sogenannte Kolonisation, etwa wegen zu hoher Populationsdichte. Ein Beispiel wären die Lemminge, die bereits im Alter von einem Monat geschlechtsreif werden und sich bei einer großen Anzahl von Nachkommen nach neuen Lebensräumen umschauen müssen. Manchmal ist es aber auch eine Kombination aus verschiedenen Gründen. Wie die größte Wanderung auf unserem Planeten, die täglich in unseren Meeren stattfindet: Die vertikale Wanderung von Plankton in unseren Gewässern wird durch Temperatur und Licht ausgelöst. Die genauen Gründe sind aber noch nicht ganz erforscht.
Wasser und Kelp
© Serp Pae / Pixabay

Gefahren und Herausforderungen

Doch diese einzigartigen Tierwanderungen, von denen auch die Ökosysteme profitieren, werden immer öfter gestört, Ursache ist hier leider meist der Mensch.

In Ostafrika können Gnus und weitere Tierarten nicht mehr ungehindert wandern. Ihre Zugrouten sind durch menschliche Siedlungen oder Felder fragmentiert. Das kann zu Konflikten führen, mit tödlichen Folgen für beide Seiten. Zudem ist der Massentourismus ein zunehmendes Problem. Jedes Jahr wollen unzählige Reisende die spektakuläre Wanderung miterleben. Da kann es vorkommen, dass diese die Wanderwege ebenfalls blockieren.
Schiff auf dem Meer
Tausende von Schiffen sind rund um die Uhr auf unseren Meeren unterwegs. © Ranjith-Ar / Pexels
Auch die Buckelwale haben mit menschengemachten Herausforderungen zu kämpfen. Hier sind es Überfischung (Fisch, Krill), starker Schiffsverkehr (Lärm, Kollisionen) und der Klimawandel, welche ihre Zugrouten beeinflussen.
Die Wanderrouten der Küstenseeschwalbe sind ebenfalls von Überfischung und dem Klimawandel betroffen. Die Vögel sind auf ausreichend Fisch angewiesen, doch die industrielle Fischerei ist meistens schneller. Der Klimawandel lässt das Eis schmelzen, welches einige Fischarten zum Überleben brauchen. Ohne Eis kein Fisch und somit keine Nahrung für die Küstenseeschwalbe.
Wie dramatisch die Lage für die wandernden Tiere auf dem gesamten Planeten ist, verdeutlicht ein Bericht der UN. Demzufolge sind 24 Prozent der wandernden Arten global bedroht. Bei den wandernden Süßwasserfischen sind sogar über 80 Prozent bei Greifvögeln circa 53 Prozent. Wie die Beispiele zeigen, sind die Gründe verschieden. Hauptursachen sind der Klimawandel, Lebensraumzerstörung und -fragmentierung, Umwelt-, Lärm- und Lichtverschmutzung, Überfischung und illegale Jagd, aber auch das durch den Menschen begünstigte Ausbreiten von Krankheiten (z. B. Vogelgrippe). Der Klimawandel bringt Wettermuster aus dem Rhythmus oder verändert sie rasant, so dass die Tiere keine für sie optimalen Bedingungen mehr vorfinden. Durch Zäune und Leitungen, Staudämme und Flussbegradigungen, Rodung von Wäldern und noch vieles mehr sorgen Menschen dafür, dass die Tiere nicht mehr ungestört ziehen können oder keine Nahrung und keinen Ort für die Aufzucht der Jungen finden. Aber auch die direkte Übernutzung, zum Beispiel von Krill oder vielen Fischarten, lässt die Bestände schrumpfen.

Welche Lösungen gibt es?

Dass die Weltgemeinschaft sich des Problems bewusst zu sein scheint, lässt der Hauptschwerpunkt der COP15 in Brasilien im März 2026 erkennen: der bessere Schutz von wandernden Tierarten. Da Tiere sich nicht um menschliche Grenzen kümmern, ist die internationale Zusammenarbeit enorm wichtig. Diese Zusammenarbeit zu stärken ist einer der Punkte, die auf der Konferenz beschlossen wurden. Die Tiere und die Lebensräume müssen auf ihrem gesamten Weg geschützt und Wanderrouten wiederhergestellt werden. Zu den mehr als 40 wandernden Arten, welche stärker geschützt werden sollen, zählen unter anderem Haiarten wie der Hammerhai. Der Klimawandel soll bekämpft werden, illegale Jagd verhindert und Überfischung gestoppt werden. Insbesondere für die Meere wurden verschiedene Initiativen beschlossen, zum Beispiel gegen Beifang und Plastikverschmutzung.

All diese Probleme können die Staaten nur gemeinsam lösen, in Zusammenarbeit mit den Menschen vor Ort. Wichtig ist ein Gleichgewicht zwischen der Natur und den Bedürfnissen der Menschen. So sind zum Beispiel viele Menschen in Ostafrika vom Tourismus abhängig, doch muss auch sichergestellt werden, dass die Tiere frei ziehen können, damit auch künftige Generationen diesem Naturschauspiel beiwohnen können. Um die Routen und die Tiere besser schützen zu können, bedarf es weiterer Forschung. Denn nur was man versteht, kann man auch schützen. Hier kommt das ICARUS-Projekt ins Spiel, ein internationales Forschungsprojekt unter Leitung des Max-Planck-Instituts zur Beobachtung von Tieren aus dem All. Dabei werden Tiere besendert, um ihre Routen nachzuvollziehen und zu erforschen, wie die Tiere mit ihrer Umwelt interagieren.
Elefanten
Nur wenn wir die Wanderungen von Tieren verstehen, können wir sie schützen. © Beauty van Stam (Unsplash)
Doch auch jede einzelne Person kann etwas tun. Unser täglicher Konsum kann Einfluss nehmen, auf die Bedingungen für die Tiere. Wir können nachhaltiger konsumieren, etwa weniger tierische Produkte, mehr lokal und saisonal. Und wir können nachhaltige Tourismusangebote dem Massentourismus vorziehen, damit das Geld auch bei der lokalen Bevölkerung und dem Naturschutz ankommt. Mit den neuen Beschlüssen der UN-Konferenz ist ein wichtiger Grundstein gelegt, der nun in die Tat umgesetzt werden muss. Nur gemeinsam können wir etwas gegen das Artensterben tun, egal ob in der Gemeinde oder in der Weltpolitik. Damit unsere Erde der lebendige und vielfältige Planet bleibt.
Portrait Norman Schöne
Norman Schöne

aus dem Nepada Wildlife Kommunikationsteam

arbeitet in der Landwirtschaft, ist besonders fasziniert von Fledermäusen und überall auf der Welt Wildlife zu erleben