
Teamarbeit zum Wohl der Tiere: Ein Erfahrungsbericht aus Costa Rica – Teil 3
Die Wildtierärztin Kim Laura Lange hat für ein halbes Jahr ein Volontariat als Assistenztierärztin im International Animal Rescue Center (IAR) in Costa Rica gemacht, wo ihr besonders die Brüllaffen ans Herz gewachsen sind. Im dritten Teil ihres Berichts erzählt sie, wie wichtig gute Teamarbeit für die Tiere ist.

In den ersten beiden Beiträge habe ich die Nöte der Brüllaffen in Costa Rica geschildert, doch sie sind bei Weitem nicht die einzigen Wildtiere, die Hilfe benötigen. Über die Jahre hinweg hat Dr. Sánchez Murillo vom International Animal Rescue Center (IAR) etwa 2.500 Tiere aus 126 verschiedenen Spezies behandelt – etwa 400 Tiere pro Jahr. Davon konnten über 700 wieder ausgewildert werden, davon knapp 100 in 2024. Das schafft er natürlich nicht alleine.
Hinter ihm steht ein passioniertes, junges Team, das fast ausschließlich aus Ticos, also Einwohnern Costa Ricas, besteht. In Zusammenarbeit mit dem Team konnte ich neben meinem tiermedizinischen Wissen, also auch meine Sprachkenntnisse vertiefen und in die Kultur Costa Ricas eintauchen.
Notfälle in der Wildtiermedizin
Im IAR liegt neben der Morgenbehandlung stationärer Patienten und Dokumentation aller Prozesse das Hauptaugenmerk auf der Notfallbehandlung. Diese Notfälle erreichen uns über einen direkten Kontakt, über die lokale Feuerwehr oder den SINAC (ein Teilbereich des Umweltministeriums). Entweder fahren wir dann selber raus, um das Tier in Not abzuholen bzw. einzufangen, oder es wird von einer Privatperson oder dem SINAC direkt zu uns gebracht.
Da es nur wenige solcher Wildtierkliniken gibt, kommen die Tiere teilweise von weit her und das bei horrenden Temperaturen, schwer verletzt und verängstigt. Ein professionelles Verhalten und hohe Konzentration sind daher unabdingbar für die Arbeit im IAR.
Zuerst wird der Zustand des Tieres eingeschätzt. Sobald es einigermaßen stabilisiert ist, werden die notwendigen Untersuchungen vorgenommen und Medikamente verabreicht. Dann kommt es in eine ruhige, dunkle Box, damit es sich erholen kann. Es gibt aber nicht nur medikamentöse Behandlung, sondern auch Maßnahmen wie Physiotherapie oder alternative Präparate.
Ein Langzeitpatient im Center war der mexikanische Baumstachler (Coendou mexicanus) Arcanine. Er wurde mit einer Machete so stark verletzt, dass seine ganze Haut samt schützender Stacheln fehlte und die Schädeldecke sichtbar war. Über Monate wurde in regelmäßigen Abständen Tilapia-Haut (äußere Haut des Tilapiafisch) auf die Wunde genäht, um die Reepithelisierung, also Gewebeneubildung, anzuregen. Die Therapie war erfolgreich und nun, etwa ein Jahr später, ist die Wunde komplett mit neuer Haut bedeckt und es wachsen sogar kleine Stacheln.


Besondere Patienten-Bedürfnisse
Damit sich ein Tier in der Klinik wohlfühlt, sollte es seinem natürlichen Artverhalten so gut wie möglich nachgehen können. Dafür muss man ganz schön kreativ sein, sich in seine Lage hineinversetzen können und wissen, wie sein Habitat und die Ernährungsweise in der Natur aussehen. So haben wir beispielsweise für die Meeresschildkrötendame Fede (Oliv-Bastardschildkröte, Lepidochelys olivacea) einen großen Swimmingpool gekauft, damit sie schwimmen konnte und weniger gestresst war. Zum Glück durfte sie schon wenige Tage später ins richtige Meer zurückkehren.
Ein anderes Beispiel: Immer, wenn ein Tamandua (Tamandua mexicana, eine Ameisenbärenart) als Patient kommt, suchen wir nach Termitennestern in den Bäumen, um ihnen ihre Leibspeise servieren zu können. Darüber hinaus bietet das IAR auch “Enrichment”. Damit sind Anregungen zur Beschäftigung über die Deckung der Grundbedürfnisse hinaus gemeint. Dabei habe ich auch geholfen.

So wagte ich mich einmal in ein Kinkajougehege (Potos flavus), um dem Honigbären (anderer Name für Wickelbär) ein mit Erdnussbutter präpariertes Hundespielzeug anzubieten. Zu beobachten, wie er sich genüsslich über diese Leckerei hermacht, war die Anstrengung definitiv wert.
Ein anderes Mal dekorierte ich bunte Holzkonstruktionen mit einigen Weintrauben. Das hatte allerdings weniger Erfolg: Die Papageien waren nicht sonderlich beeindruckt. Dafür hielten die Toilettenpapierrollen, die ich gesammelt und mit Nüssen gefüllt habe, die Bunthörnchen (Sciurus variegatoides) gut auf Trapp.
Ihr seht: Die Wildtiermedizin lebt von Kreativität, Geduld und Improvisationsvermögen, so bleibt es immer spannend.
Anfang verpasst? Hier findet ihr Teil 1 und Teil 2 von Kims Erfahrungsbericht. Was hat euch an Kims Berichten am besten gefallen? Habt ihr Fragen an die Wildtierärztin? Dann schreibt uns bei Instagram, LinkedIn, Facebook oder an info@nepadawild.life Und falls ihr selbst als Volunteer im Artenschutz aktiv werden wollt, hier haben wir eine Liste empfehlenswerter Organisationen für euch.


Kim Lange
Tiermedizinerin mit Wildtierschwerpunkt
berichtet von ihren Volunteering-Erfahrungen im Dschungel
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