Artenschutz to go: Die Streitfrage Fleisch

Mit der Grillsaison flammt er regelmäßig wieder auf, der altbekannte Streit zwischen Fleisch-Fans und den fleischlos Glücklichen. Manchmal erscheint die Diskussion fast wie eine Glaubensfrage. Doch statt mit gezückten Grillzangen aufeinander loszugehen, schauen wir uns lieber an, was der aktuelle Fleischkonsum für unseren Planeten bedeutet und wie wir einfach besser essen können – für das Klima und unsere Gesundheit.

Kalb
Jedes Mal, wenn eine Kuh rülpst oder pupst, wird das klimaschädliche Methan ausgestoßen. © Cottonbro/Pexels
Schweine
Fleischkonsum z.B. in Form von „Bärchenwurstaufschnitt“ lässt das eigentliche Produkt Schweinefleisch unsichtbar bleiben. © Mark Stebnicki/Pexels

Food for thought:

Ganz unabhängig von persönlicher Überzeugung, dem eigenen Verhältnis zu Tieren und dem Tierschutz, ist der Genuss von Fleisch auch eine Klimafrage. Statistiken zufolge würden die Treibhausgasemissionen um 75% sinken, würde Fleisch von der Speisekarte gestrichen werden.[1] Vor allem die Rinderhaltung leistet einen nicht zu unterschätzenden Beitrag zur Klimakrise: Jedes Mal, wenn eine Kuh rülpst oder pupst, wird das klimaschädliche Methan ausgestoßen, welches bei der Verdauung anfällt. In der Atmosphäre richtet es einen 20-mal höheren Schaden an als CO2.[2]

Methan und auch Stickoxide werden ebenso frei, wenn die Gülle aller unserer Nutztierarten als Düngemittel auf den Feldern ausgebracht wird. Mit unserer heute praktizierten Massentierhaltung fällt aber weit mehr Gülle an, als zum Düngen benötigt wird. Die Folge ist, dass viel mehr ausgeschüttet wird als die Böden aufnehmen können, wodurch das in der Gülle enthaltene Nitrat in unsere Gewässer gelangt. Hier regt das Nitrat das starke Wachstum von Algen und Cyanobakterien (sog. Blaualgen) an, welche absterben und zu faulen beginnen. Dieser Vorgang entzieht dem Wasser Sauerstoff, wodurch sogenannte Tote Zonen entstehen, in denen marines Leben nicht mehr möglich ist. Direkt an unserem eigenen Leib erfahren wir die Nitratverschmutzung, wenn dieses ins Grundwasser und somit in unser Trinkwasser sickert. Aus Nitrat entstehen sog. Nitrosamine, die im Verdacht stehen Krebs zu erzeugen und bei Säuglingen Blausucht auslösen. Aufgrund der massiven Güllemengen der Massentierhaltung fällt es den Wasserwerken immer schwerer den vorgeschriebenen Nitrat-Grenzwert von 50mg/l einzuhalten.

Auch Rückstände von Antibiotika oder anderen Medikamenten, die in der konventionellen Tierhaltung eingesetzt werden, konnten in Gülle und somit auf unseren Feldern nachgewiesen werden. Zum einen können Kläranlagen diese nur schwer filtern und zum anderen werden auf diese Weise auch Antibiotikaresistenzen verbreitet. Durch den Gülleüberschuss, wird diese zum Teil auch von einem Landwirt an einen anderen abgegeben und so überregional transportiert – mitsamt Rückständen und multiresistenten Keimen.

Aber nicht nur unsere Gewässer werden belastet. Für die Fleischproduktion werden auch große Landflächen benötigt. Nicht nur für die Viehhaltung selbst, sondern insbesondere für das Tierfutter, wie z.B. Mais und Soja, mit dem die große Anzahl an Nutztieren ernährt und gemästet wird. Da der Anbau der Nutzpflanzen in Europa flächenmäßig nicht möglich ist und auch zu teuer wäre, wird Tierfutter zum Großteil aus dem Ausland importiert. Hierfür werden großflächig Regenwälder abgeholzt und durch Monokulturen ersetzt, was sich natürlich wiederum negativ auf die Klimabilanz auswirkt, sowie Lebensräume und Biodiversität zerstört. Die Nutztierhaltung ist verantwortlich für 91% der Rodungen im Amazonas-Gebiet.[3] Viele Flächen, auf denen Tierfutter angebaut wird oder die als Weide für Rinder bereitgestellt werden, könnte stattdessen Getreide oder Gemüse für den menschlichen Verzehr angebaut werden. Auf diese Weise würden mehr Menschen auf diesem Planeten davon ernährt werden und weniger Hunger leiden. Laut einer Studie der englischen Oxford Universität könnten wir ohne Fleisch- und Milchprodukte sogar die weltweiten Agrarflächen um bis zu 75 Prozent reduzieren[4] und so wieder mehr Platz für Wildnis und intakte Ökosysteme schaffen.

Für die Gesundheit derjenigen, die die Möglichkeit haben Fleisch regelmäßig zu sich zu nehmen, wäre es wiederum auch besser dies einzuschränken, denn rotes oder verarbeitetes Fleisch wird von der Weltgesundheitsorganisation (WHO) als wahrscheinlich krebserregend eingestuft.[5]

Nicht zu vergessen ist auch der enorme Wasserverbrauch der Fleischindustrie, angefangen bei der Futtermittelproduktion, über die Tierhaltung selbst, bis hin zum Prozess der Schlachtung. Damit man sich mal die Dimensionen vorstellen kann: Für einen Kilo Rindfleisch werden ca. 15.000 Liter Wasser benötigt.

Landwirtschaft
Für die Fleischproduktion werden große Landflächen benötigt. Nicht nur für die Viehhaltung selbst, sondern insbesondere für Tierfutter. © Sergio Souza/Pexels
Ohne Fleisch- und Milchprodukte könnten wir die weltweiten Agrarflächen reduzieren und wieder Platz für Wildnis und intakte Ökosysteme schaffen.

Die Preisfrage: 

Schon heute verbrauchen wir wesentlich mehr Ressourcen als unser Planet in einem Jahr nachproduzieren kann.[6] Unser Fleischkonsum trägt durch die intensive Landnutzung für die Tierzucht und -ernährung sowie seine Auswirkung auf die Klimakrise zu diesem Phänomen bei. Der teilweise sehr geringe Preis für ein Stück Fleisch im Supermarkt steht dabei in keinem Verhältnis zu dem mit der Produktion verbundenen unkontrollierte Freisetzung klimaschädlicher Treibhausgase, die Wasserverschmutzung und dem enormen Wasserverbrauch. Die unaufhörliche Abholzung der Regenwälder zerstört zudem die Lebensräume vieler, zum Teil vom Aussterben bedrohter, Tierarten und Pflanzen.

Den weiteren Preis zahlen viele der Tiere selbst mit einem Leben in Massentierhaltung. Hier muss auch das Thema Tierethik angesprochen werden: Haben unseren tierischen Mitgeschöpfen nicht ebenfalls Rechte? Vor dem gesetzlichen Hintergrund wird ein Tier nach wie vor als „Sache“ behandelt. Daraus resultieren niedrige gesetzliche Mindeststandards und legale, aber wenig artgerechte Haltungsbedingungen in der konventionellen Tierhaltung. Wie kann es sein, dass es Zoobesucher*innen schmerzt, einen Tiger hinter Gittern zu sehen, das Schweinesteak aus Massentierhaltung aber ohne schlechtes Gewissen verdrückt wird?

Zum Mitnehmen:

Die Nutztierhaltung ist aber auch einer der am wirksamsten und einfachsten durchführbaren Hebel, um etwas für unseren Planten zu tun. Denn: „Jeder wird relativ bald etwas essen und kann sofort etwas gegen den Klimawandel unternehmen.“[7] Bei einer vegetarischen und veganen Ernährung könnten wir die Treibhausgasemissionen beinahe halbieren (98 Mio. bzw. 102 Mio. Tonnen CO2-Äquivalente) und auch der ernährungsbedingte Flächenbedarf würde um 46 bzw. 50 Prozent sinken.[8]

Fangen wir doch mit kleinen, aber wirkungsvollen Schritten an: Nur ein einziger fleischfreier Tag pro Woche allein in Deutschland würde 9 Mio. Tonnen CO2 pro Jahr sparen. Das entspricht ca. 75 Mrd. PKW-Kilometer.[9] Sowohl aus Klima- als auch aus Tierschutzgründen sollte bei einem bewussten, reduzierten Fleischkonsum immer darauf geachtet werden, dass die Herkunft des Fleisches aus ökologischer und regionaler Landwirtschaft stammt. Das geht natürlich mit der Bereitschaft einher, für artgerechte und klimafreundliche Tierhaltung auch zu bezahlen.

Der Trend geht in die richtige Richtung: Vergangenes Jahr haben wir mit im Schnitt 57,3kg Fleisch/Deutsche*r ein Jahrzehnte-Tief erreicht. Das ist ein Rekord mit 750g weniger als im Jahr 2019 und der geringste Stand seit 1989, als die Berechnung des Konsums begann. „Obwohl das definitiv ein Grund zum Feiern ist“, drängt Dirk Messner, Präsident des Umweltbundesamtes, auf eine deutlichere Reduktion. Um die Klimakrise nachhaltig aufhalten zu können, sei mindestens eine Halbierung des aktuellen Fleischverzehrs in Deutschland notwendig.[10]

Sich zu informieren ist einer der ersten wichtigen Schritte. Zum Beispiel können wir das Thema Umweltbildung und Tierschutz als festen Bestandteil der Schulbildung etablieren und vielleicht sogar einen Besuch im Schlachthof integrieren. Denn Fleischkonsum z.B. in Form von „Pumucklstreichwurst“ oder „Bärchenwurstaufschnitt“ lässt, in Plastik gehüllt, das eigentliche Produkt Schweinefleisch unsichtbar bleiben. So entfernen wir uns eher von einem bedarfsgerechten und bewussten Konsum, der den wahren Wert unserer Nahrung anerkennt.

Kurzum: Um unsere eigene Gesundheit zu bewahren, können auch wir Menschen langfristig nicht mehr konsumieren als unsere Erde zur Verfügung stellt. Unsere Ernährung – zumindest teilweise – umzustellen, kann daher ein wichtiger Schritt sein, um wieder mit dem Planeten in Einklang zu leben.

Unsere “Artenschutz to go”-Beiträge erheben keinen Anspruch auf Vollständigkeit, sondern geben lediglich Impulse für einen bewussteren und nachhaltigeren Umgang mit unserem Planeten. Gemeinsam können wir vieles besser, aber auch nicht sofort alles richtig machen. Möchtet ihr weitere Informationen zu diesem Thema mit uns teilen? Oder habt ihr kritische Anmerkungen? Dann schreibt uns gerne in den Kommentaren. 

Autorin: Anna Steimer aus dem Nepada Wildlife-Team

Natascha Kreye
natascha.kreye@nepadawild.life
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