Artenschutz to go Reiselust trotz Klimafrust

Artenschutz to go: Reiselust trotz Klimafrust

Gerade im Lockdown könnte das Fernweh der Menschen kaum größer sein. Je mehr Zeit wir in unseren eigenen vier Wänden verbringen, desto stärker wird die Sehnsucht nach fernen Orten und neuen Erlebnissen. Doch selbst wenn die Corona-Maßnahmen gelockert werden, darf man sich in Zeiten von Klimakrise und Flugscham überhaupt noch hinaus wagen in die weite Welt? Während einige Regionen gerade aufatmen und den »Overtourism« nicht vermissen, sind viele Tiere und Artenschutzprojekte durch die ausbleibenden Touristen in ernster Gefahr.

Cahuita Nationalpark
Anflug Manaus

Food for thought – Unsere Info-Häppchen: 

Reisen bringt uns andere Menschen, Kulturen und Lebensräume näher und erweitert unseren Blick auf die Welt – statt Luxusgütern sammeln wir Erlebnisse und Erfahrungen. Viele Menschen leben zudem vom Tourismus. Besonders in Ländern und ländlichen Regionen ohne wirtschaftliche Alternativen sichern Urlauber mit ihrem Aufenthalt zahlreiche Arbeitsplätze.

Doch inzwischen reist das schlechte Gewissen oft mit im Gepäck, denn der CO2-Fußabdruck, den Urlauber am Strand hinterlassen, ist nicht gerade klein. Negative Effekte für das Klima zeigen sich dabei besonders unterwegs: 75% der CO2-Emissionen entstehen bei der An- und Abreise [1]. Das Fliegen fällt hier besonders ins Gewicht, so dass wir dem Thema eine eigenen Artenschutz to go-Beitrag widmen werden.

Doch während zu Hause bleiben das Klima schont, kann der Tourismus eine wichtige Rolle für den internationalen Artenschutz spielen. Durch interessierte Besucher bekommen Tiere einen »touristischen Wert«, der sie vor Wilderei und Lebensraumzerstörung schützt. Mit den Touristen ist sozusagen auch ein neues Umweltbewusstsein eingereist. In Afrika und anderen Gebieten mit Wildtiertourismus werden heutzutage rund die Hälfte der Aufwendungen für Schutzprojekte, Ranger und Sicherheitsleute aus Tourismuseinnahmen bezahlt.[2] Gleichzeitig werden damit Jobs geschaffen und die Infrastruktur, z.B. mit Schulen, verbessert. Aufgrund der aktuellen Reisebeschränkungen ist dieses System des Natur- und Ökotourismus zusammengebrochen. Wilderei und Abholzung nehmen wieder zu und das oftmals aus purer Not, weil die ursprünglichen Einkommensquellen fehlen.

Die Preisfrage: 

Mit nur einer Fernstrecken-Flugreise übersteigen wir bereits das errechnete klimaverträgliche Jahresbudget eines Menschen[3] und stellen damit sämtliche Bemühungen CO2 im Alltag zu reduzieren in den Schatten. Das europäische Reiseverhalten ist also keine Hilfe um das 1,5-Grad-Ziel für unser Klima zu erreichen. Darüber hinaus werden in einigen Urlaubsregionen immer noch viel zu geringe Löhne gezahlt, obwohl die Gästebetreuung den Mitarbeitern rund um die Uhr viel abverlangt.

Ob Borneo, Brasilien oder der Kongo – die illegale Abholzung hat massiv zugenommen. [4] Schon vor Corona verschwand jede Sekunde Wald in der Größe eines Fußballfeldes. Unbeobachtet von der Öffentlichkeit hat sich diese Situation verschärft und durch das ausbleibende Geld von Besuchern fehlen die Kontrollen. Die persönliche Not, die Menschen auf der Suche nach ertragreichem Holz oder Nahrung (Bush Meat) tief in den Wald treibt, erhöht die Wahrscheinlichkeit weiterer Pandemien. Denn so gelangen neue Viren in die Bevölkerung oder Tiere werden durch Abholzung aus ihrem Lebensraum getrieben. Die fehlenden Einnahmen aus dem Tourismus führen dazu, dass sich die Reservate schlechter gegen Wilderei verteidigen können. In diesem Konflikt sterben Tiere, aber auch Menschen, die sich für sie einsetzen.

Ausblick Dschungel
Monteverde

Zum Mitnehmen: 

Die Sache mit dem Fernweh ist kompliziert. Unser Reiseverhalten beeinträchtigt das Klima, ist aber überlebenswichtig für den Artenschutz. Wie so oft gilt es, zunächst einen Mittelweg zu finden und sich gleichzeitig für nachhaltigere Lösungen einzusetzen. Wir können prüfen, welche Alternativen wir für die Anreise haben, und ob sich unser Ziel nicht auch mit dem Auto oder noch besser mit dem Zug oder Fahrrad erreichen lässt.

Wer sich für eine Flugreise entscheidet, sollte zumindest möglichst lange vor Ort bleiben und die CO2-Emissionen kompensieren – zum Beispiel über Portale wie Atmosfair oder myClimate. Für die Unterkunft kann man gezielt nach Hotels oder Lodges suchen, die auf faire Bezahlung, regionale und saisonale Produkte sowie einen verantwortungsvollen Umgang mit Ressourcen achten. Ein Orientierungspunkt ist das übergeordnete Zertifizierungssystem des GSTC (Global Sustainable Tourism Council), aber natürlich gibt es noch zahlreiche weitere Ökolabels mit tiefer gehenden Kriterien. Generell lohnt sich eine gute Recherche und Vorbereitung im Netz, denn immer mehr Anbieter oder Buchungsportale spezialisieren sich auf ökologische Reisen.

Darüber hinaus sind Forschung und Politik gefragt, um die Voraussetzung für umweltschonendere Transportmöglichkeiten zu schaffen und die Entwicklung eines nachhaltigeren Tourismus zu fördern. Nicht wenige Menschen sind als Urlauber gestartet und als Artenschützer zurück gekehrt. Denn sie möchten das schützen, was sie auf Reisen kennen und lieben gelernt haben. Nun müssen wir nur noch heraus finden, wie wir diesen Weg möglichst nachhaltig gestalten können.

Unsere “Artenschutz to go”-Beiträge erheben keinen Anspruch auf Vollständigkeit, sondern geben lediglich Impulse für einen bewussteren und nachhaltigeren Umgang mit unserem Planeten. Gemeinsam können wir vieles besser, aber auch nicht sofort alles richtig machen. Möchtet ihr weitere Informationen zu diesem Thema mit uns teilen? Oder habt ihr kritische Anmerkungen? Dann schreibt uns gerne in den Kommentaren. 

Nepada Wildlife
jannes.vahl@nepadawild.life
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