Borneo Gibbon – der Letzte seiner Art?

Wie 48 Stunden mit einem zwei Monate alten Gibbonbaby, nicht größer als mein Unterarm, im Dschungel von Borneo mein Leben auf den Kopf gestellt haben.

Gibbons sind Menschenaffen – in der Tat näher mit dem Menschen verwandt als mit Makaken, Pavianen oder Languren. Und trotzdem sind sie viel weniger bekannt und erforscht als ihre größeren Verwandten, Schimpansen, Gorillas oder Orang-Utans. Dabei sind Gibbons in vielerlei Hinsicht einzigartig: ihr Sozialleben, ihre Fortbewegung, ihre Anatomie, ihre Kommunikationsweise. Liebevoll werden sie von den Einheimischen auch »die singenden Menschenaffen« genannt.

Aber jetzt der Reihe nach: Ich bin Tierärztin und unterstütze gerade ein Artenschutzprojekt im Dschungel von Borneo. An einem Mittwoch im Nationalpark ändert sich mein Alltag hier allerdings schlagartig. Ich habe den Vormittag mit Proben im Labor verbracht und sitze vor einem großen Berg Reis mit Gemüse in der Mittagspause. Die Sonne strahlt und es herrscht eine schwüle Hitze. Eine Gruppe von Makaken jagt durch die Büsche und die Nashornvögel krakeelen lautstark in den Baumwipfeln. Plötzlich sehe ich eine Gruppe von Park-Rangern den Weg zum Büro entlanglaufen. Dazwischen läuft die Tierärztin Paloma. Als sie mich sieht, kommt sie hastig auf mich zu:

»Hannah, wir haben einen Notfall. Einer der Ranger hat ein winziges Gibbonbaby im Wald gefunden. Wir wissen nicht, was passiert ist, von den Eltern gibt es keine Spur. Es liegt schreiend auf dem Boden.«

Entsetzt lasse ich alles stehen und liegen und folge ihr in den Wald. Gibbons leben in kleinen Familiengruppen von bis zu sechs Tieren, eine Sozialstruktur, die nur bei etwa drei Prozent aller Säugetiere vorkommt. Außerdem bleibt ein Gibbon-Paar ein Leben lang zusammen und es herrscht eine besonders enge Bindung zwischen den Familienmitgliedern. Niemals würden die Eltern ihr Baby einfach so zurücklassen, das ist sicher. Irgendetwas muss also passiert sein.

Gibbons sind Menschenaffen und in vielerlei Hinsicht einzigartig: ihr Sozialleben, ihre Fortbewegung und ihre Gesang.

Gibbons bewohnen die immergrünen tropischen Regenwälder Südostasiens. Sie sind in ihrem Körperbau an das Leben in den Baumwipfeln angepasst. Mit ihren langen Armen bewegen sie sich akrobatisch schwing-hangelnd fort. Doch besonders herausragend sind ihre territorialen Morgengesänge. Sie gehören zu den spektakulärsten Rufen der Säugetiere und wecken mich jeden Morgen um punkt sieben Uhr. So etwas Schönes habe ich noch nie zuvor gehört und die Gesänge erfüllen mich jeden Morgen mit Glück. Es ist ein eng aufeinander abgestimmtes Duett, dass von beiden Partnern vorgetragen wird.
Natürlich kenne ich die beiden Gibbongruppen, die im Nationalpark wohnen, denn sie nehmen täglich dieselben Routen und ich bin ihnen schon oft mit dem Fernglas durch den Wald gefolgt. Deswegen kenne ich auch das kleine Gibbonbaby, das am Anfang noch als Fellknäuel am Bauch der Mutter klammerte und in den letzten fünf Woche schon gut gewachsen ist. Mit den großen Ohren, der hohen Stirn und den Knopfaugen ist es eines der süßesten Babys, das ich je gesehen habe und scheint einem Menschenbaby doch erstaunlich ähnlich – Menschenaffen eben.

In diesem Regenwald leben die östlichen Borneo-Gibbons (Hylobates funereus), eine der seltensten Primatenarten der Welt.

Das alles geht mir durch den Kopf, als ich schnellen Schrittes hinter Paloma herlaufe. Der Schweiß rinnt mir über die Stirn. Plötzlich bleibt sie abrupt stehen und hebt warnend die Hand. Die anderen bleiben zurück und langsam schleichen die Tierärztin und ich an das kleine graue Fellknäuel am Boden heran. Es liegt verborgen unter einem großen Blatt am Boden und hat verzweifelt ein kleines Ärmchen ausgetreckt, mit dem es sich an einem Ast festklammert. Ich erkenne die winzigen Fingernägel an der kleinen Affenhand. Als es unsere Anwesenheit bemerkt, fängt es wieder lauter an zu schreien, ein richtiger Hilferuf. Ich schaue nach oben. Die Bäume über dem Menschenaffen sind zwanzig bis dreißig Meter hoch. Ein Sturz aus dieser Höhe würde eigentlich den sicheren Tod bedeuten. Doch das Kleine scheint großes Glück gehabt zu haben und ist auf einen großen, weichen Berg Laub gefallen. Aus der Ferne versuchen wir, das Affenbaby zu untersuchen. Neurologisch scheint es in Ordnung zu sein, wir können keinerlei äußere Verletzungen erkennen und keines der Gliedmaße scheint verdreht.
»Wir müssen den Eltern noch eine Chance geben!«, sagt Paloma entschlossen. »Lass uns bis zum Abend warten und hoffen, dass sie zurückkommen. Solange das Baby noch nach ihnen ruft, ist es noch nicht verloren.«
»Aber das ist eine unglaublich scheue Affengruppe, sie meiden Menschen.«, entgegne ich besorgt. »Du hast Recht, lass uns den Weg hier absperren. Ich gehe zum Eingang und du auf die andere Seite – so versuchen wir die Touristen abzuhalten, so auf einen knappen Kilometer.« Ich nicke. »Und wenn die Eltern nicht zurückkommen?« »Dann müssen wir etwas tun. Alleine übersteht das Baby die Nacht nicht, dafür ist es noch viel zu klein.« Ich nicke betroffen.

Das kleine Gibbonbaby ist quasi eines der letzten seiner Art.

Vier Stunden lang sitze ich regungslos auf dem schmalen Weg, der in Richtung des Gibbons führt und zeige den vereinzelten Touristen die Umleitung. Ich beobachte die riesigen Ameisen, wie sie schwer beschäftigt über den kleinen Pfad laufen. Sie sind fast so groß wie mein Daumen. Ich denke nach: Wie können wir dem Kleinen wohl helfen? Gibbons sind heute extrem vom Aussterben bedroht. Sie zählen zu den seltensten Affenarten überhaupt. Die größten Bedrohungen der Affen sind der Verlust und die Verschlechterung ihres Lebensraums. Besonders auf Borneo sind die Regenwälder von starker Abholzung betroffen. Dazu kommen Wilderei und illegaler Handel. Die intelligenten Menschenaffen werden gerne als Haustiere in kleinen Käfigen gehalten, in denen sie schnell vereinsamen und qualvoll sterben. Hier in diesem Regenwald leben die östlichen Borneo-Gibbons (Nothern gray gibbon; Hylobates funereus), eine der seltensten Primatenarten der Welt, sie werden laut IUCN als endangered (stark gefährdet) eingestuft. Der kleine Gibbon ist also einer der letzten seiner Art.

Gibbons bewohnen die immergrünen tropischen Regenwälder Südostasiens. Sie sind in ihrem Körperbau an das Leben in den Baumwipfeln angepasst. Mit ihren langen Armen bewegen sie sich akrobatisch schwing-hangelnd fort.

Plötzlich höre ich ein Rascheln und fahre aus meinen Gedanken hoch. Erst glaube ich, wieder eine Echse im Laub zu entdecken oder eine Schlange, die sich durch die Blätter schlängelt. Aber das Geräusch kommt von oben. Aufgeregt halte ich nach sich bewegenden Ästen Ausschau. Und tatsächlich, ich erkenne etwas in den Baumwipfeln. Hastig hole ich mein Fernglas hervor, bitte lass das die Gibbons sein. Da sehe ich einen knallorangen Kopf zwischen den Blättern auftauchen – Red Leaf Monkeys. Maronen-Languren. Unheimlich süße Äffchen, aber leider gerade nicht, was ich suche. Enttäuscht lasse ich mich wieder auf den Boden zurücksinken.

Eine Stunde später ruft Paloma an: »Wir müssen jetzt eine Entscheidung treffen. Es wird bald dunkel. Ich glaube, die Eltern kehren heute nicht mehr zurück.« Ich nicke stumm. »Wir treffen uns in zehn Minuten im Labor – get ready.« Und dann geht alles ganz schnell. Mit Atemmasken und Handschuhen nähern wir uns kurze Zeit später dem kleinen Affenbaby. So süß und harmlos das Kleine auch aussehen mag, man darf nicht vergessen, dass Menschenaffen Überträger von gefährlichen Krankheiten sein können. Schließlich sind sie uns in ihrem Genom unheimlich ähnlich. Doch noch gefährlicher sind wahrscheinlich unsere Krankheiten für das Kleine. Jeder, der in Kontakt mit dem Affenbaby kommt, muss ausreichend geimpft, klinisch gesund und geschützt sein, denn eine Infektion würde für das geschwächte Baby den Tod bedeuten.

Wir sind uns einig: Wenn der Kleine die nächsten 24 Stunden übersteht, dann wird er eine Chance haben.

Verängstigt klammert sich das Baby mit seinen kleinen schlanken Fingern an meinen Händen fest, während ich ihn vorsichtig hochhebe. Schützend lege ich ein Handtuch um ihn, seine Rufe sind nur noch leise zu hören. Er ist geschwächt von dem langen, einsamen Tag und wir müssen aufpassen, dass er nicht unterkühlt. Zurück im Labor untersuchen wir Tierärztinnen das Baby: Es handelt sich um ein etwa zwei Monate altes Männchen, es scheint gesund, hungrig und etwas dehydriert. Morgen werden wir in der Klinik eine Röntgenaufnahme und eine Blutuntersuchung machen, um wirklich sicher zu gehen, dass es dem Kleinen gut geht. Doch jetzt ist es erst einmal am wichtigsten, ihn warm zu halten und Flüssigkeit zuzuführen. Ich verbringe die ganze Nacht mit dem kleinen Gibbon, er braucht Nähe und Zuwendung, möchte alle paar Minuten trinken und schläft immer wieder vor Erschöpfung ein. Sobald er warm und weich liegt, schaut er mich aus seinen großen schwarzen Knopfaugen an – fast so als sei er dankbar. Seine kleinen Hände greifen nach meinem Finger, wenn er einschläft. Mit der Zeit weiß ich genau, wann er Durst hat, wann er aufs Klo muss oder wann er meine Nähe sucht. Er ist noch etwas unbeholfen mit seinen viel zu langen Gliedmaßen. Er kann noch gar nicht richtig klettern, versucht es aber trotzdem und sieht unheimlich süß aus, wenn er gähnt oder an seinem Finger nuckelt. Paloma und ich sind uns einig: Wenn der Kleine die nächsten 24 Stunden übersteht, dann wird er eine Chance haben.

Ich verbringe Tag und Nacht mit dem kleinen Gibbon, er braucht Nähe und Zuwendung, möchte alle paar Minuten trinken und schläft immer wieder vor Erschöpfung ein.
Der Kleine ist gerade mal so groß wie mein Unterarm.

Und genau diese Chance möchte wir ihm mit dem Nepada Wildlife e.V. geben. Wir haben beschlossen, mit dem Nationalpark und der Gibbon Protection Society Malaysia zusammenzuarbeiten, eine Gibbon-Aufzuchtstation auf Borneo aufzubauen. Auf dieser Station sollen verletzte oder verwaiste Tiere aufgenommen und gepflegt werden mit dem Ziel, sie wieder in den Nationalpark auszuwildern. Denn der Konflikt zwischen Mensch, Tier und Zivilisation wird auch hier auf Borneo immer größer: Die Wildtiere verlieren ihren Lebensraum, werden in immer kleinere Waldgebiete zurückgedrängt und von Menschen, Bauarbeiten, Autobahnen oder Palmöl-Plantagen bedroht, verletzt oder gestört. Zusammen mit den Angestellten des Nationalparks wollen wir eine Aufzucht- und Wiederauswilderungsstation aufbauen, die den Wildtieren einen Wert gibt, die Einheimischen über diese Probleme aufklärt und die Lösungen sucht. Dafür werde ich die nächsten vier Wochen die Räumlichkeiten vorbereiten, Equipment kaufen und die Angestellten schulen. Zum Glück bekomme ich dafür Unterstützung von der Gibbon-Expertin Mariani Ramli. Sie ist die Direktorin des Gibbon Rehabilitation Project in Malaysia. Ich werde also Tag und Nacht mit dem kleinen Gibbon zusammen sein, dabei muss ich allerdings auch aufpassen, dass er sich nicht zu sehr auf mich prägt, schließlich wollen wir ihn zu seiner Familie zurückbringen. Wir wissen, seine Eltern sind noch in der Nähe und wir werden alles daran setzen, dass der Kleine gesund und gestärkt zu ihnen zurückkehren kann.

Und dafür brauchen wir Eure Hilfe. Wir bauen dieses Projekt ganz neu auf und brauchen unzählige Utensilien, die hier im Dschungel und in der Umgebung kaum erhältlich sind. Jannes wird am Ende des Monats von Deutschland nach Borneo fliegen, um dieses Equipment mitzubringen und wir sind auf jede finanzielle Hilfe oder hilfreiche Sachspende angewiesen.

Betreff und Spendenzweck: »Borneo Gibbons«

Hannah
nepadawild@gmail.com
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