Wie mich ein toter Affe zum Lernen motiviert

Es war in den letzten Monaten sehr ruhig um mich. Von wimmelndem Grün, Vogelspinnen auf dem Zeltdach, brüllenden Affen oder quirligen Amazonas-Flussdelfinen war nicht mehr viel die Rede. Dafür füllten Lehrbücher, Kaffee, Bibliotheken und aufmunternde Worte meinen Alltag: Ich stecke bis zu den Haarwurzeln im Staatsexamen. Das 3. Staatsexamen liegt am Ende des Tiermedizinstudiums nach dem vollendeten Praktischen Jahr und beinhaltet 11 Prüfungen. 11 Prüfungen, das bedeutet sieben Monate lernen. Ich glaube einen größeren Kontrast zum Dschungel hätte ich mir nicht vorstellen können.

Sieben Monate Schreibtisch, Prüfungen und Winter - einen größeren Kontrast zum Dschungel gibt es kaum.

Ich beschäftige mich weniger mit tropischen Parasitosen oder abgeholztem Regenwald, nein, ich lerne alles über den weiblichen Zyklus der Kuh, die vorzunehmenden Maßnahmen bei einem Ausbruch der Geflügelpest, kenne nun jede einzige Rinderkrankheit und weiß, wann ich welchen Truthahn impfen darf. Man bin ich froh, dass ich in den nächsten Monaten auch noch alles über Berufsrecht, die Tierschutznutztierverordnung, unterschiedliche Melktechniken, die Schlachttechnologie von Schweinen und die Lebensmittelhygiene lernen darf… Nein, also neben diesen (meiner Meinung nach) wirklich langweiligen Themen, gibt es auch interessante Prüfungen, zum Beispiel die Pathologie. Die Lehre der Krankheiten, ihre Entstehung und die durch sie hervorgerufenen organisch-anatomischen Veränderungen. Die Pathologie spielt in der Wildtiermedizin eine wichtige Rolle, denn über Obduktionen, also die Öffnung einer Leiche zu medizinischen Zwecken, kann erst herausgefunden werden, woran ein verendetes Wildtier gestorben ist. Es ist quasi wie Detektiv spielen.

Nasenaffen kommen nur auf der Insel Borneo vor und sind hochspezialisierte Pflanzenfresser.

Ich erinnere mich nur zu gut an meine erste Obduktion im tropischen Regenwald auf Borneo. Das war eine andere Nummer, als in den gewohnten sterilen, kühlen Obduktionshallen der Universität. Wir lebten mit 20 Wissenschaftlern und Helfern auf einer kleinen Forschungsstation im Malaysischen Teil der Insel mitten im Dschungel. Eines Morgens entdeckte ein Forscherteam der Station am Kinabatangan River einen ungewöhnlichen Affen am Flussufer. Sie fuhren langsam mit dem Boot näher an das Tier heran und erkannten ein Nasenaffenmännchen (Proboscis monkey; Nasalis larvatus), das schwankend auf dem sandigen Boden saß. Eine äußerst ungewöhnliche Position für ein so scheues Wildtier, die restliche Gruppe schien weit entfernt. Das Team war verwundert und nahm sich vor, auf dem Rückweg wieder an dieser Stelle vorbeizufahren, um nach dem Tier zu schauen. Als sie gegen Mittag zurückkehrten, lag der Affe auf dem Rücken und wurde wieder und wieder an das Ufer geschwemmt. Mit Handschuhen geschützt luden sie das tote Tier in das kleine Boot und brachten es zur Untersuchung auf die Forschungsstation.

Für die Obduktion eines Affens herrschen besonders strenge Sicherheitsvorschriften mit Schutzkleidung und Atemmasken.

Die Situation damals ist mir noch so präsent, als wäre es gerade passiert:
Ich arbeitete zur Zeit mit Sergio, dem Tierarzt der Station, zusammen und es ist unsere Aufgabe herauszufinden, woran der große Affe gestorben ist. Danica, eine Wissenschaftlerin aus Kanada, hilft uns dabei. Sie arbeitet seit vier Jahren mit Nasenaffen auf Borneo und ist Expertin auf diesem Gebiet. Allerdings gelten für die Obduktion eines Affen ganz andere Vorschriften, als ich es von den gewöhnlichen Haustieren an der Uni kenne. Affen sind uns in ihrem Genom so ähnlich, dass auch ihre Krankheiten viel gefährlicher für den Menschen sind. Also ziehen wir eine dicke Schutzkleidung und Atemmasken über, bevor wir mit der Arbeit beginnen. Ich muss dazu sagen, dass zurzeit 32 Grad mit einer Luftfeuchtigkeit von 95% herrschen und die Schutzkleidung natürlich luftundurchlässig ist. Vielleicht gibt das einen kleinen Eindruck davon, wie sehr wir schwitzen? Außerdem nehmen wir das Tier im Wald auseinander, um so weit wie möglich von den Menschen der Forschungsstation entfernt zu sein und so eine mögliche Infektionsquelle auszuschließen. Hier wimmelt es nur so von Stechinsekten und lästigen Krabbelzeugs.

Eine ausgebreitet Plane dient uns als Obduktionstisch, als wir den Affen mitten im Dschungel vorsichtig untersuchen.

Eine ausgebreitete Plane dient uns als Obduktionstisch. Erst messen wir den knapp 20 Kilo schweren Affen aus, fotografieren besondere Merkmale und suchen nach äußeren Anzeichen einer Verletzung. Das Tier wirkt kräftig und gesund. Anschließend legen wir ihn auf den Rücken und eröffnen die Bauchhöhle. Der Tierkörper ist noch warm, das heißt er muss erst vor kurzer Zeit gestorben sein. Bei einer Obduktion wird jedes Organsystem einzeln untersucht und es werden Proben genommen, die später im Labor zur weiteren Diagnose dienen. Es ist eine außerordentlich spannende Obduktion, da Nasenaffen eine außergewöhnliche Anatomie aufweisen. Sie besitzen ein komplexes Vormagensystem, ähnlich wie eine Kuh, in dem Bakterien die Kohlenhydrate und Proteine aus der Nahrung aufspalten. So haben sich die Affen perfekt an ihren Lebensraum angepasst und können schwer verdauliche und sogar giftige Pflanzen fressen. Die dabei entstehenden Gase führen zu den »dicken Bäuchen« der Tiere. Nasenaffen kommen nur auf Borneo vor und sind hochspezialisierte Pflanzenfresser.

Trotz schweißtreibender Arbeit, sind Sergio und ich am Ende zwar fix und fertig, aber zufrieden.

Nach viereinhalb Stunden schweißtreibender Arbeit und massenweise eingetüteten Proben sind Sergio und ich fix und fertig, aber zufrieden. Wir vergraben den Affen in einem tiefen Loch im Wald und sende die Proben in ein Labor in Kota Kinabalu, der Hauptstadt von Sabah. Wir konnten einige verdächtige Umfangsvermehrungen im Magen-Darm-Traktes des Affen finden, müssen allerdings die Laborergebnisse für eine eindeutige Diagnose abwarten. Das war mit Sicherheit die anstrengendste, lehrreichste und aufregendste Obduktion, die ich je vollzogen habe. Und genau das sind die Erinnerungen, die mich jeden Tag wieder aufs Neue motivieren, mich an den Schreibtisch zu setzen, um für die nächste Prüfung zu lernen. Auch wenn mich sicherlich nicht alle Lehrinhalte dieses Studiums interessieren, weiß ich genau, wofür ich es mache und warum ich mich durch unzählige Prüfungen beiße. Bald ist es geschafft und ich bin Tierärztin, bald…

Obduktionen sind in der Wildtiermedizin ein besonders wichtiger Weg der Diagnostik. Es werden von jedem veränderten Organ Proben genommen und im Labor untersucht.
Hannah
nepadawild@gmail.com
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