Orang-Utans

Da das Wasserlevel des Kinabatangan Rivers ist in den letzten Tagen deutlich gesunken ist, sind die Ufer des Flusses gerade extrem schlammig.  Als wir versuchen, mit unserem Boot am Flussufer anzulegen, drohen wir im Morast zu versinken. Ich bin mit Kasia, einer Masterstudentin aus Kanada, unterwegs. Als ich aus dem Boot steige, bleibe ich erstmal bis zu den Knien im Schlamm stecken. Da helfen auch die Gummistiefel nicht mehr. Zum Glück sind gerade keine Krokodile in Sicht und mit vereinten Kräften ziehen wir mein Bein aus den Tiefen des Schlamms. Nach einer schweißtreibenden, matschigen halben Ewigkeit, haben wir das Ufer endlich überwunden, das Boot festgebunden und betreten den Wald. Obwohl es ein sehr lichtes, trockenes Waldstück ist und die Sonne scheint, stürzen sich die Moskitos in Massen auf uns. Es fällt mir anfangs noch schwer, mich von dem permanenten hellen Summen neben meinem Ohr und dem Juckreiz am ganzen Körper nicht beirren zu lassen. Denn wenn ich andauernd versuche, nach den fiesen Blutsaugern zu schlagen, komme ich hier zu nichts.

Wir laufen Kasias Forschungsgebiet ab und kontrollieren ihre Fallen. Sie beschäftigt sich mit dem Nahrungsspektrum von Bindenwaranen (Monitor Lizard; Varanus salvator) und dazu zählt letztendlich alles von Insekten, Echsen bis zu kleinen Nagetieren. In einer der letzten Fallen finden wir ein kleines Spitzhörnchen (Treeshrew; Tupaia glis). Nach ein paar Messungen zur besseren Artbestimmung lassen wir das Kleine wieder fröhlich in den Bäumen verschwinden.

Ein gefangenes Spitzhörnchen, das wir ausmessen, bestimmen und wieder in die Freiheit entlassen.
Ein gefangenes Spitzhörnchen, das wir ausmessen, bestimmen und wieder in die Freiheit entlassen.

Auf dem Rückweg zum Boot entdecke ich einen großen, ungewöhnlichen Fleck hoch oben in einem der Bäume. Als ich genauer hinsehe und noch mit mir kämpfe, ob ich wirklich stehen bleiben will oder doch lieber vor all den Mücken flüchte, realisiere ich, dass dieser Fleck rot bräunlich ist und sich bewegt. Aufgeregt gestikulierend rufe ich Kasia möglichst leise »Orang Utaaan!« zu und versuche, eine bessere Sicht auf den Baumwipfel zu bekommen. Als ich auf einen laut knackenden Ast trete, blickt das Tier plötzlich auf und ich entdecke, dass es sich um ein massiv großes Orang-Utan Männchen (Pongo pygmaeus) handelt. Als der Orang-Utan uns am Boden entdeckt bleibt mein Herz kurz stehen. Mit den großen Wangenwülsten und dem ausgeprägten Kehlsack wirkt sein Gesicht äußerst einschüchternd. Es scheint sich um ein älteres Tier zu handeln, um die 80 kg schwer. Ich traue meinen Augen nicht. Noch nie habe ich einen ausgewachsenes Orang-Utan Männchen in der Wildnis gesehen und dann auch noch ein so großes Tier!

Hoch oben in den Bäumen schürzt ein großes Orang-Utan Männchen drohend seine Lippen gegen uns.
Hoch oben in den Bäumen schürzt ein großes Orang-Utan Männchen drohend seine Lippen gegen uns.

Vorsichtig nähern wir uns dem Riesen. Er behält uns genau im Auge. Plötzlich bewegt er sich lautstark im Baum, schürzt seine Lippen in unsere Richtung und gibt laute, schmatzende Geräusche von sich. Kein gutes Zeichen. Er macht uns deutlich, dass wir Eindringlinge in seinem Territorium sind und ihm eher weniger gefallen. Diese drohende Geste sollte man nicht unterschätzen, vor allem nicht bei solch einem großen Tier. Wir versuchen uns langsam zu entfernen und plötzlich richtet sich der Affe in voller Größe auf, die drohenden Lippen weiterhin in unsere Richtung gewendet. Er beginnt den Baum zu schütteln, laut krachend fallen große Äste zu Boden – unheimlich laut und einschüchtern. Er versucht, sich uns zu nähern und greift nach den angrenzenden Bäumen. Seine langen kräftigen Arme scheinen eine Spannweite von über 2 Metern zu haben, Wahnsinn!

Langsam steigt Panik in uns auf und wir suchen den Weg zurück zum Flussufer. Äste krachen weiterhin zu Boden und dazu ein lautes Rufen des Orang-Utans. Als wir das Ufer erreichen, beobachten wir, wie er es schafft, einfach den kompletten Baum, in dem er sitzt, hin und her zu schwingen. Er versucht, mit seinen langen Armen den nächsten Baum zu erreichen, aber er scheint zu weit weg. Weiterhin hören wir laut die Äste zu Boden krachen. Als ich auf dem Rückweg zum Boot wieder mit meinem kompletten Gummistiefel im Schlamm stecken bleibe, werden wir beide etwas hektisch. Doch mit vereinten Kräften komme ich frei, wir machen das Seil los und sitzen im Boot. Wow. Überwältigt, vollkommen aufgeregt, ungläubig und auch etwas erleichtert schauen wir uns an. Ist das wirklich gerade passiert!? Wurden wir von einem riesigem ausgewachsenen wunderschönem Orang-Utan durch den Wald gejagt?

Ein Orang-Utan Baby hangelt sich von Ast zu Ast.
Ein Orang-Utan Baby hangelt sich von Ast zu Ast.

Wir versuchen, vom Wasser aus nochmal einen Blick auf das beeindruckende Tier zu erhaschen, aber wir sehen nur noch die Baumwipfel heftig hin und her wackeln. Auf der Fahrt zurück schweigen wir beide vertieft in unsere Gedanken, aber mit einem riesengroßen Grinsen im Gesicht. Genau deswegen lieben wir die Arbeit im Dschungel so sehr.

Hannah
nepadawild@gmail.com
1Kommentar
  • arno
    Veröffentlicht um 09:20h, 19 April Antworten

    Hat es unser Spitzhörnchen aus Ice-Age jetzt in den malayischen Dschungel verschlagen? Gibt es denn dort auch Eicheln?

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