Jungle Blues

Ich liebe den Dschungel. Mit all seinen unterschiedlichen Seiten: Pflanzen in allen Größen und Formen, Tiere in allen Farben und Gestalten, Wetterlagen in allen Extremen und rohe, wilde Natur rundherum – das alles fasziniert mich.

Und dennoch es gibt Tage, an denen mir das alles zu viel wird: Wenn ich bei der täglichen Arbeit im Wald nicht auf einem Fleck stehen bleiben kann, ohne von einem Schwarm Mücken umzingelt und zerstochen zu werden. Wenn ich mir nach dem Fallen kontrollieren schon wieder drei Blutegel von der Haut zupfen muss, von denen einer so vollgesaugt, dass der Biss einen ganzen Tag nicht aufhört zu bluten. Wenn sich wieder eine der riesen Wespen in unser Zimmer verirrt hat.

Ich merke, wie ich plötzlich empfindlicher werde: Jeden neuen Stich, Biss, Kratzer nehme ich intensiver wahr. Wieso können diese kleinen Stechinsekten mich denn nicht wenigstens in den eigenen vier Wänden in Ruhe lassen? Seit wann stören mich die Kakerlaken im Bad so? Was hat dort geraschelt? Wieder eine Schlange im Dickicht, die nur darauf wartet mich zu erschrecken?

Ich fange an, das Essen von zu Hause zu vermissen: eine Scheibe Brot mit Käse, einen frischen Salat, ein richtiger Kaffee, meine geliebte Schokolade… Wie gerne würde ich mal wieder unter einer warmen Dusche stehen, mich mit einem weißen Frottee Handtuch abtrocknen. In saubere Klamotten steigen und vielleicht auch mal einen Blick in einen Spiegel werfen? Ich ertappe mich dabei, wie ich ins Schwärmen gerate: häuslicher Komfort, großer Kleiderschrank, im Supermarkt einkaufen worauf ich Lust habe, die matschigen Gummistiefel gegen schicke Schuhe austauschen.

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Als ich meinen verschimmelten Rucksack sauber schrubbe, verfluche ich die hohe Luftfeuchtigkeit hier. Sogar mein Reisepass ist von einer dünnen Schicht Schimmel überzogen.

Vielleicht bin ich doch nicht taff genug für den Dschungel? Ich fühle mich nicht wohl in meiner Dschungelhaut und möchte gerne eben kurz in meine komfortable Deutsche-Stadt-Haut schlüpfen. Als ich den anderen von meinen Gedanken berichte, schütteln sie nur wohlwissend ihre Köpfe. Das kennen sie alle hier. Durch solche Tage muss jeder durch: »Tagtägliche Arbeit im Feld, ohne ein einziges Wochenende oder eine Pause, das ist hart. Die Natur hier ist rau, die Moskitos sind erbarmungslos – das wird jedem Mal zu viel. Wir nennen es den ‘Jungle Blues.’ Take a break for two days. You will see, it will change your perspective.«, wird mir geraten.

Skeptisch nehme ich mir also zwei Tage frei. Mein erstes Wochenende seit 40 Tagen stelle ich erstaunt fest. Die warme Dusche ist ein wahrer Traum. Ich dusche dreimal, weil es einfach zu schön ist. Das große weiße Hotelbett ist unfassbar bequem. Aber, es ist so ruhig? Mir fehlen die singenden Vögel und rufenden Affen. Das erste ausgiebige Frühstück schmeckt vorzüglich. Aber mir wird bewusst, dass das Essen im Dschungel doch auch vollkommen ausreicht? Die stinkenden Autos, der laute Verkehr, die vermüllten Straßen nerven mich. Den Fernseher schalte ich keinmal ein. Mir fehlen der Fluss, die tägliche Zeit auf dem Wasser, die tobenden Nasenaffen am Ufer. Man, bin ich froh, dass ich morgen wieder im Minibus Richtung Dschungel sitze!

Hannah
nepadawild@gmail.com
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