Jungle Madness

Schweigend sitzen wir uns gegenüber, starren schlaftrunken in unsere Tasse Instantkaffee und tunken ein labbriges Stück Toast in die schwarze Brühe. Die Stirnlampe neben uns wirft ein schwaches Licht an die Decke. Zum Glück ist Sergio, mein guter Freund und Wildlife Vet der Forschungsstation, auch kein gutgelaunter Frühaufsteher, sodass wir uns an die morgendliche Stille gewöhnt haben. Auf dem Weg zum Boot geht die Sonne langsam auf und sobald wir auf dem Wasser sind und den Fahrtwind im Gesicht spüren, erwachen wir aus unserer Trance. Die Bäume rauschen im goldenen Licht an uns vorbei, eine große Gruppe Nasenaffen springt aufgeregt in einer Baumkrone herum und schaut dem Motorboot verdutzt hinterher. Die Vögel ziehen ihre Kreise. Um 6:30 Uhr kommen wir an unserem »Trapping Transect« an. Schon seit zehn Tagen öffnen wir hier jeden Morgen die Fallen und kontrollieren sie am Nachmittag wieder. Einer meiner liebsten Flecken Erde.

Es handelt sich um ein besonders schönes und vielfältiges Gebiet mit dichtem Regenwald voller Lianen, Büschen und hochgewachsenen Bäumen in allen Farben und Formen. Außerdem laufen wir durch eine sumpfige Grasebene und überqueren letztendlich noch auf einem umgefallenen Baumstamm balancierend einen Fluss. Allein das Ablaufen aller Fallen dauert knappe zwei Stunden, jeden Morgen und jeden Nachmittag. Es ist jedes Mal ein schweißtreibendes kleines Abenteuer, da wir nie wissen, was uns erwartet. Nach den starken Regenfällen der letzten Wochen war der Wald überflutet, sodass wir ständig durch kniehohes Wasser waten mussten Die braune Masse lief mir andauernd in die Stiefel und selbst auf trockenem Boden hinterließ jeder unserer Schritte ein schmatzendes Geräusch. Nach jeder Tour sahen meine Füße aus, als hätte ich den ganzen Nachmittag in der Badewanne verbracht – in einer sehr dreckigen Badewanne.

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Als es dann wieder trockener wurde und das Wasser langsam zurückging, blieb eine einzige Schlammebene zurück. Ich bin eigentlich ein Kind des Matsches und freue mich über die glucksenden, schmatzenden, saftigen Geräusche, wenn man in dem weichen Morast versinkt. Aber wenn der Stiefel zum dritten Mal stecken bleibt und ich wieder mit der bloßen Socke in die braune Suppe stapfe, habe auch ich irgendwann keine Lust mehr. Außerdem ist das Vorwärtskommen im Morast extrem anstrengend. An genau solch einem Nachmittag erzielte Sergio auch unseren täglichen Rekord mit fünf saugenden Blutegeln auf einmal! Ich hatte nur drei…

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Und dann sind da noch die trockenen, sonnigen Tage. Wenn die goldenen Sonnenstrahlen durch das Blätterdach funkeln, ein lautes Summen und Vogelgezwitscher in der Luft. Ein lauer Wind fegt durch die Blätter und über der Sumpfebene strahlt blauer Himmel. Genau solch ein Tag ist heute. Doch heute ist irgendwie alles außergewöhnlich. Als wir das Boot am Ufer befestigen, hören wir lautstarken Gibbon-Gesang aus dem Wald. Dieser Klang ist unverwechselbar und wunderschön, kaum zu glauben, dass Affen zu solch einem Gesang in der Lage sind. Aufgeregt dränge ich Sergio dazu aufzubrechen und den lauten Rufen zu folgen. Gibbons (Hylobates) gehören zu den Menschenaffen und kommen ausschließlich in den tropischen Regenwäldern Südostasiens vor. Ihr schlanker Körper mit den außergewöhnlich langen Armen ermöglicht den schwanzlosen Primaten die einmalige Fortbewegungsform des Schwinghangelns.

Durch die großflächige Zerstörung ihres Lebensraums sind Gibbons als gefährdet gelistet. Es ist sehr schwierig, die Tiere in der freien Wildbahn zu entdecken, da sie sich extrem schnell und nur hoch oben in den Baumkronen fortbewegen und den Menschen meiden. Nur ihren Ruf hört man viele Kilometer weit. Aber heute scheint die Chance zu bestehen, sie zu sehen. Der Gibbon-Gesang ist so nah, die Tiere können nicht weit entfernt sein. Aufgeregt stolpere ich los, den Kopf im Nacken, nach schwingenden Ästen Ausschau haltend und die Ohren gespitzt. Plötzlich hören wir es genau über uns rascheln. Wir sind vom Weg abgekommen, der Wald über uns lichtet sich und die Baumkronen kommen zum Vorschein. Langsam schleichen wir vorwärts und plötzlich sehe ich ihn. Ein mausgrauer Gibbon sitzt direkt über uns im Baum, mit seinen extrem langen Arme rechts und links in den Ästen hängend. Skeptisch schaut er uns an. Er hat ein dunkles Gesicht, schwarzes Fell auf dem Kopf, das an eine dunkle Haube erinnert, und helle Gesichtsringe um die Augen. Ein wunderschönes Tier. Für einen kurzen Moment, der mir wie eine halbe Ewigkeit vorkommt, bleiben wir reglos stehen und blicken uns gegenseitig an. Dann, richtet der Gibbon sich auf und verschwindet mit zwei schwingenden Bewegungen in den Höhen des Waldes.

Beschwingt suchen wir den Weg zurück zu unserer täglichen Route und diskutieren ausgiebig die Lebensweise und Paarbindung der tagaktiven Baumbewohner. Kurze Zeit später kommt ein lautes, krachendes Etwas aus dem Geäst neben uns geprescht. Erschrocken taumele ich zurück, stürze prompt über eine dicke Wurzel und plumpse auf den weichen Waldboden. Ein großes Wildschwein (Bornean bearded pig; Sus barbatus) stürzt zwischen den Bäumen hindurch und sucht, als es uns erblickt, das Weite. Es lässt nur einen intensiven Schweinegeruch und deutliche Fußspuren im Matsch hinter sich.

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Als wir an den sumpfigen Wiesen ankommen, werden wir von strahlend blauem Himmel begrüßt. Vier Rhinozerosvögel (Rhinocerus hornbill; Buceros rhinoceros) fliegen über uns hinweg. Wunderschöne, majestätische Vögel mir ihren riesigen, roten Schnäbeln. Wenn man nur ihren Flügelschlag hört, hat man allerdings das Gefühl etwas großes, Gefährliches würde sich nähern. Nashornvögel haben mir so schon den ein oder anderen Schrecken eingejagt.

Meiner Meinung nach sind das definitiv genügend Eindrücke für einen Tag. Doch das sieht der Dschungel anders. Als ich hinter Sergio durch das Knie hohe, feuchte Gras stapfe, bleibe ich schlagartig wie angewurzelt stehen und bringe nur noch ein halblautes »oh my god!« über die Lippen. Sergio muss, ohne es zu merken, vor mir auf eine Schlange getreten sein, denn plötzlich schnellt ein schwarzer, flacher Schlangenkopf vor mir in die Höhe: eine Sumatra-Kobra (Naja sumatrana). Mir bleibt das Herz stehen und ich kann mich kein Stück mehr bewegen. Zum Glück scheint die Kobra genauso erschrocken und keineswegs angriffslustig. Sie verschwindet so schnell, wie sie aufgetaucht ist, wieder in den Gräsern. Langsam kehrt die Farbe zurück in mein Gesicht. Ist das gerade wirklich passiert? Ein Kobrabiss ist äußerst giftig und kann ohne zeitnahe Behandlung tödlich enden. Ich brauche lange, um mich von dem Schock zu erholen. Übervorsichtig trete ich meinen weiteren Weg durch den Wald an. Jedes Knacken und Rascheln nehme ich mit direkter Alarmbereitschaft wahr. Es ist beeindruckend, wie schnell man vergisst, wie gefährlich der Dschungel sein kann. Nachdem Sergio und ich ausführlich die weitere Vorgehensweise nach einem Schlangenbiss ausdiskutiert haben und alle Fallen geöffnet sind, treten wir den Rückweg an.

Wahnsinn, diesen Tag werde ich so schnell nicht mehr vergessen!

Hannah
nepadawild@gmail.com
1 Comment
  • Susanne
    Posted at 14:20h, 22 April Antworten

    Was für ein Bericht. Wie du mit deinen Worten den Dschungel vor meinem geistigen Auge lebendig werden lässt.
    Danke dafür!

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