Palawan

Die philippinische Insel Palawan hat mich auch bei meinem zweitem Besuch sehr beeindruckt. Das türkise, glasklare Wasser. Die zahlreichen kleinen, einsamen und naturbelassenen Buchten. Traumhafte weiße Sandstrände mit Kokosnusspalmen. Mangrovenwälder. Farbenprächtige Korallenriffe. Und Kalksteinklippen, die aus dem Meer heraus ragen. Die verschiedensten Landschaften auf einer Insel vereint: Ein kleines ländliches Dorf mit Häusern aus Nipapalmblättern gebaut, die Hühner scharren im sandigen Boden, eine große Sau suhlt sich angeleint hinterm Haus und ein Wasserbüffel pflügt gerade das Feld. Dann tiefgrüner Dschungel, aus dem eine beeindruckende Geräuschkulisse tönt. Die Bäume ragen hoch in den Himmel und kaum ein Lichtstrahl reicht bis zum Boden. Angrenzend, vereinzelt Zuckerrohrplantagen. Kokosnüsse, Bananen, Ananas, Papayas, Mangos – alles scheint hier in Fülle zu wachsen. In der Ferne ist ein großer Vulkan erkennbar. Die Spitze verschwindet in dunstigen Wolken. Und das Meer, von überall schnell erreicht. Obwohl »schnell« auch relativ ist, bei den schlecht ausgebauten, holprigen, gern auch einspurigen Straßen mit unzähligen Schlaglöchern und Kurven.

Das Schnorcheln fühlt sich ein wenig so an, als wäre ich im Wartezimmer meines Zahnarztes und würde meinen Kopf in das bunt schillernde Aquarium stecken. Nur eben viel größer und aufregender. Ich entdecke große bunte Fische, knallblaue Seesterne, schillernde Korallenriffe, alles ist in Bewegung. Interessante zigarrenförmige Fische verschwinden schnell in den Löchern und Fugen der Felsen, wenn ich mich nähere. Die dicken Runden dagegen, deren Gesichtszeichnung mich an einen Panda erinnert, futtern seelenruhig weiter. Plötzlich finde ich mich inmitten eines großen Schwarms aus winzig kleinen Fischen wieder. Seegras und Algen schwingen im Einklang. Manchmal wird das Meer so flach, dass ich Sorge habe, die Pflanzen und Korallen zu berühren oder dass irgendetwas Fieses und Gefährliches aus einem Loch herausschnellt. Aber das bleibt zum Glück Fantasie. Ich entdecke sogar kleine Nemos in ihrer Anemone. Und es geht wirklich: rein und raus – Clownfische leben in einer perfekten Symbiose mit der Seeanemone: Die Pflanze bietet den Fischen mit ihren giftigen Nesselzellen Schutz vor Fressfeinden. Während die farbenfrohe Clownfische ihre Tentakeln sauber halten und ihr mit den Flossen fleißig Wasser zufächeln, um die Sauerstoffzirkulation zu verbessern.

Die weißen Sandstrände erstrecken sich kilometerweit die Küste entlang.
Die weißen Sandstrände erstrecken sich kilometerweit die Küste entlang.

Mein absolutes Highlight ist die Schildkröte. Nach stundenlangem Schnorcheln – die Taucherbrille drückt und der Salzgeschmack wird immer penetranter – taucht plötzlich eine über einen Meter große Schildkröte links neben mir auf. Seelenruhig schwimmt sie unter mir durch, bewegt sich gelassen, gleichmäßig und langsam fort. Ich selbst bin völlig aus dem Häuschen und muss so sehr grinsen, dass mir direkt ein großer Schwall Salzwasser in Taucherbrille, Nase und Mund läuft. Schnell folge ich der Schildkröte (Green Sea Turtle; Chelonia mydas). Sie scheint sich überhaupt nicht an mir zu stören und beginnt in aller Ruhe, auf dem flachen Grund zu grasen. Sie erinnert mich in diesem Moment fast an eine Kuh auf der Weide im Sauerland. An ihrem Panzer saugen zwei große Fische. Nähert sie sich weiter dem Grund, wechseln sie zum Rückenpanzer, schwimmt sie wieder hoch, kleben sie sich an ihren Bauch. Ein perfektes Zusammenspiel. Zwischendurch taucht sie wieder neben mir auf, streckt den Kopf aus dem Wasser, holt Luft und begibt sich anschließend wieder ans Fressen. Ich könnte ihr stundenlang zuschauen.

Leider muss ich auf diesem schönen Fleck Erde feststellen, wie wenig Bewusstsein für den Natur- und Artenreichtum bei den Inselbewohnern herrscht. Zum Beispiel gibt es keine organisierte Müllentsorgung hier. Es ist erschreckend, wie vermüllt viele der nicht touristisch genutzten Strände sind. Überall Plastik, Glasflaschen und Verpackung. Diesen Anblick findet man nicht nur am Meer, sondern auch am Straßenrand oder in Picknickbereichen. Ich war empört, als neben meinem Schlafzimmer ein großer Haufen Müll verbrannt wurde und der Geruch nach verkohltem Plastik ins Fenster zog. Nebenan ist der Pausenhof einer Grundschule. Die Kinder haben sich an den Geruch gewöhnt. Aber als mir ein neuseeländischer Segler erzählte, wie er wochenlang damit verbracht hat, Müll aus dem Meer zu fischen und immer wieder auf Inseln verbrannte, weil er einfach nicht wusste, wohin damit, konnte ich selbst auch nichts Schlaues erwidern.

Mit einem kleinen Fischerboot erkunden wir die Inseln.
Mit einem kleinen Fischerboot erkunden wir die Inseln.

Recyclen von Plastik oder Dosen ist hier nicht üblich. PET-Flaschen werden anschließend eben als Blumenvase oder für die Keimlinge im Gemüsebeet genutzt. Es ist schwer, der Verkäuferin klar zu machen, dass ich nicht für jedes Stück einzeln eine Plastiktüte brauche. Aber dieses mulmige Gefühl zieht sich schon durch meine gesamte Philippinen-Reise. Auf der einen Seite bin ich fasziniert von dem Naturreichtum, der Fröhlichkeit und dem zufriedenen, simplen Lebensstil der Menschen hier. Auf der anderen Seite zieht sich mein Bauch zusammen, wenn ich sehe, wie die Kinder im Regen spielen, während neben ihnen das Benzin auf der Straße vorbeifließt – oder der kaputte Fernseher im Wäldchen hinterm Haus entsorgt wird.

Wie entsteht Sensibilität für Naturschutz? Wodurch entwickelt sich Umweltbewusstsein? Ist Mülltrennung ein Luxus? In Deutschland ist es nahezu selbstverständlich, dass Abfälle gesammelt und entsorgt werden. Auf den Philippinen sind Plastikflaschen oder Coladosen ein Zeichen von Reichtum, während in Hamburg der erste »Unverpackt Laden« eröffnet. Wenn ich das Gefühl habe, dass die Inselbewohner ihren Naturreichtum nicht wertschätzen, vergesse ich dabei nicht, wie es in Deutschland noch vor 100 Jahren aussah? Sind Nachhaltigkeit und erneuerbare Energien nicht auch in Europa Begriffe, die erst in den letzten zehn Jahren so aktuell wurden?

Hannah
nepadawild@gmail.com
1Kommentar
  • Franz
    Veröffentlicht um 13:02h, 01 März Antworten

    Es ist in der Tat eine schwierige Frage, wie ein Umwelt-.und Naturbewusstsein entsteht. Die Erhaltung der Schönheit scheint nicht ausreichend zu sein. In Deutschland mussten wir wohl auch erst unsere Flüsse verseuchen und die Luft so verpesten, dass Kinder Pseudokrupp-Husten bekamen. Neben der Bequemlichkeit und der Abwälzung der Umweltkosten auf die Natur, sind das wohl die Hauptgründe. Schwieriges Thema.

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