Borneo

Borneo? Wo liegt das denn? Das war wohl die häufigste Frage, die ich zu hören bekam, wenn ich von meinen Sommerplänen 2014 berichtete. Aber wenn ich ehrlich bin, muss ich zugeben, dass ich selbst noch nicht allzu viel über diese wundersame Insel wusste, bevor meine Reise begann.

Mein Studium der Tiermedizin bewegte mich zu einem zweimonatigen Praktikum auf einer Forschungsstation mitten im Regenwald Borneos. Ich assistierte dem Wildtierarzt bei seiner Arbeit und begleitete die Forscherinnen und Forscher der Station in ihren Projekten. Wildlife and Conservation Medicine sind genau die Gebiete, in denen ich arbeiten möchte, deshalb war dieses Praktikum für mich so wichtig.

So kam es also, dass ich ein paar Stunden nach meiner letzten Physikumsprüfung in einem Flieger nach Südostasien saß. Langer Flug. Sechs Stunden Zeitverschiebung. Ruckeliger Van. Plötzlich: der Kinabatangan River. Ein mächtiger, schlammbrauner Fluss, der sich durch das Land schlängelt, umrahmt von gigantischen Bäumen und Hügeln.

Borneo ist mit einer Fläche von 751.936 km2 nach Grönland und Neuguinea die drittgrößte Insel der Welt und aufgeteilt zwischen den drei Staaten Indonesien, Malaysia und Brunei. Der Kinabatangan ist der größte Fluss des malaysischen Bundestaates Sabah im Osten der Insel. Sein Gebiet umfasst tropische Wälder, Altarm-Seen, Sumpfgebiete sowie Mangrovenwälder und gilt als eine Region von besonders hoher Biodiversität. Einige Teile seines Überschwemmungsgebiets stehen als Kinabatangan Wildlife Sanctuary unter Naturschutz.

Regenwald 1

Allerdings sind die Lebensräume durch die zunehmende Besiedelung der Flussufer und die enorme Ausbreitung von Palmöl-Plantagen extrem bedroht. Bis heute wurden große Teile der einstmals völlig bewaldeten Insel durch Brand gerodet. Palmöl bildet das Haupteinkommen der Inselbewohner. Das macht das Naturschutzgebiet des Kinabatangan als Quelle und Schutz für Leben so besonders und einzigartig.

Nun saß ich also mit meinem Gepäck auf dem Schoß in einem kleinen Motorboot und fuhr flussabwärts zu einer kleinen Forschungsstation. Versteckt im Regenwald. Nur mit dem Boot zu erreichen. Die Station bestand aus vier großen Gebäuden. Dort traf ich Forschende verschiedener Nationalitäten und aus unterschiedlichen Forschungsprojekten.

Als ich an meinem ersten Abend müde von der langen Reise unter meinem Moskitonetz lag, ging ein Hörspiel los: Draußen herrschte eine enorme Geräuschkulisse mit lauten Zikaden, raschelnden Tieren, singenden Vögeln und rufenden Affen. Dazu kamen die Hitze, 95-prozentige Luftfeuchtigkeit und eine tiefschwarze Dunkelheit. Willkommen im Dschungel! Mit meiner Stirnlampe neben dem Kopfkissen und meinem Taschenmesser in Reichweite hätte ich mir in dieser ersten Nacht niemals vorstellen können, dass ich diese Musik des Dschungels irgendwann mal beruhigend finden und nachts bei diesen Temperaturen frieren würde.

Um 6 Uhr klingelte der Wecker, draußen wurde es langsam hell. Kurz kaltes Wasser ins Gesicht (Spiegel gab es ja zum Glück nicht) und ab in die tropentaugliche Outdoor-Ausrüstung. Ich war wirklich dankbar für die hellen Tropenhemden und dunklen Hosen:  langärmlich und Mücken abwehrend, aber trotzdem luftig und schnell trocknend – perfekt für den Dschungel und die Luftfeuchtigkeit geeignet. Die Hose kam in die leichten und atmungsaktiven Wandersocken, damit die Blutegel keine Chance zum Festsaugen fanden und dann ab in die Gummistiefel. Das Einsprühen mit Insekten-Repellent lohnte sich letztendlich nicht, da es durch das Schwitzen und die hohe Feuchtigkeit eh nicht lange anhält und man trotzdem gestochen wurde.

Arbeit Kopie

Nach einem kurzen Frühstück ging es um 7 Uhr aufs Boot, um bei einem der Forschungsprojekte mitzuarbeiten. Die Sonne warf ihr warmes Licht auf die Baumkronen, es war noch nicht so heiß und die Tierwelt erwachte langsam von der Nacht. Ein Wahnsinnsgefühl mit dem Fahrtwind im Gesicht, wie die gigantischen grünen Bäume vorbeiglitten, Affen in den Baumkronen auftauchten, die Krokodile sich auf den Sandbänken sonnten und Nashornvögel und Adler den Fluss überquerten. Nach getaner Arbeit, einschließlich kilometerlanger Dschungelwanderungen, ging es dann gegen 11 Uhr zurück zur Station – nass geschwitzt und übersät mit Mückenstichen.

Ich entdeckte mit der Zeit immer mehr Tiere in dem Bäumen. Vor allem sorgfältiges Hören war wichtig, um Tiere zu sichten. Ein Nasenaffe bewegt sich nämlich ganz anders in den Baumwipfeln als ein Orang-Utan oder die Langschwanzmakaken. Abends saßen wir oft zusammen, spielten Karten und berichteten von den Erlebnissen des Tages. Gegen 22 Uhr kehrte jedoch meist Ruhe ein auf der Station – der Dschungel macht müde.

Eines meiner eindrucksvollsten Erlebnisse war, als ich zum ersten Mal die Borneo-Zwergelefanten erblickte. Wir kamen von einer Nachmittagsschicht, wurden von einem gewaltigen Regen im Wald überrascht und saßen zusammengekauert und klitschnass auf dem Boot, als ich die Waldelefanten plötzlich hinter einer Kurve am Ufer entdeckte. Die kleinste Art der Welt. Circa neun Elefanten standen dort friedlich am Ufer mit den Babys beschützend in ihrer Mitte und grasten. Der Regen schien ihnen nichts auszumachen. Ich bekam die Dickhäuter in den nächsten Tagen noch häufiger zu Gesicht, da die ganze Herde mit circa 80 Tieren an unserer Station vorbei lief. Ich sah sie den Fluss überqueren, baden und sogar direkt vor unserem Haus spielen. Ein unglaubliches Gefühl, morgens von Elefanten-Getröte geweckt zu werden.

die Zwergelefanten

Auch was einen tropischen Sturm ausmacht, werde ich so schnell nicht vergessen. Es begann eigentlich immer auf dieselbe Weise: Im Laufe des Nachmittag wurde es so schwül und feucht, dass mir ohne jede körperliche Betätigung der Schweiß von der Nasenspitze tropfte. Der Himmel wurde immer dunkler und schwärzer und dann wurde es ruhig. Nur aus der Ferne hörte man schon gewaltiges Donnergrollen. Danach konnte es gefährlich werden. Denn als nächstes folgten enorme Windböen, die Äste von den Bäumen rissen. Bei ersten Mal dachte ich an ein riesiges Tier, das durch den Wald stürmte, um alles zu zerstören, was ihm in die Quere kam. Besondern vor Deadfall, dem sogenannten Totholz, das von den Bäumen stürzte, musste man sich in Acht nehmen. Auf den Wind folgte von einem Moment auf den anderen eine Wand aus Regen. In kürzester Zeit fielen so viele Liter Wasser auf die Erde, dass alles überschwemmt war und sich überall kleine Flüsse bildeten. Außerdem war es unheimlich laut. Dazu kamen noch Blitze und ohrenbetäubender Donner.

Es war wirklich großartig, was ich in diesen zwei Monaten alles erleben durfte: Ich habe die Zwergelefanten, riesige Krokodile und die verschiedensten Arten von Nashornvögeln, Eisvögeln, Adlern und Affen an den Flussufern entdeckt. Durfte mit dem Sunda-Nebelparder, dem Malaienbär, Bindenwaranen und den Nasenaffen arbeiten. Bin am Tag malaiischen Zibetkatzen und in der Nacht Plumploris durch den Wald gefolgt. Und habe auf nächtlichen Spaziergängen unheimlich viele verschiedene Arten von Fröschen, Insekten und anderen Krabbeltieren entdeckt.

Und vor allem habe ich etwas Wichtiges über den Dschungel und mich gelernt: Es ist imposant zu spüren, wie sich das Blatt wenden kann und die Natur wieder die Gewalt zurückerobert. Wie ich große Furcht vor kleinen (sehr schmerzhaften) Hundertfüßern oder einer unschuldigen Königskobra im Unterholz verspürte. Wie ich Moskitos und Blutegeln doch schutzlos ausgeliefert war und wie durch einen tropischen Regen plötzlich die Welt still steht.

Ehrlich gesagt brauchte ich nach meiner Rückkehr aus dem Dschungel erst einmal wieder etwas Zeit, um mich an mein Zuhause in Deutschland zu gewöhnen. Ich muss mich ermahnen, nicht automatisch das Essen in unserer WG-Küche in ameisensicherere Tupperdosen zu verstauen. Nicht mehr alles zum Lüften aufzuhängen, um es vor dem Schimmeln zu bewahren. Sobald es dunkel wird, nicht mehr automatisch nach meiner Kopflampe zu tasten. Die Schuhe nicht mehr gründlich auszuschütteln, bevor ich aus dem Haus gehe. Und vor allem fehlen mir die Geräusche des Dschungels zum Einschlafen und die singenden Vögel zum Aufwachen.

Hannah
nepadawild@gmail.com
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