Madagaskar

Ich habe ein Forschungspraktikum auf Madagaskar gemacht, einer Insel von der ich mir anfangs noch nicht einmal ganz sicher war, wo sie überhaupt liegt. Noch nie hatte ich eine Insel so reich an Vielfalt, Natur- und Artenreichtum und leider auch an Zerstörung erlebt.

Meine Anreise allein war schon ein Abenteuer. In einem Kleinbus überquerte ich elf Stunden lang die 587.040 km2 große Insel. Das Ziel: der Nationalpark Ankarafantsika im Nordwesten der Insel. Während der Busfahrt kam ich an riesigen goldenen Feldern, Bergen, abgebrannten Savannen und kleinen afrikanischen Dörfern mit Lehmhütten vorbei. Zebus wurden über die Straßen getrieben, Menschen arbeiteten auf den Reisfeldern und Frauen trugen schwere Lasten auf dem Kopf – Afrika, wie man es sich oft vorstellt. Leider auch: Die große Armut war überall spürbar.

Reserach Camp

Ich schlug mein tropentaugliches Zelt im internationalen Forscher Camp auf – bitter nötig bei den vielen Insekten und Spinnen. Outdoor pur, inklusive der Dusche mit kaltem Wasser aus einem Schlauch. In der Trockenzeit war es um die 32 Grad heiß, aber abends kühlte es zum Glück ab. Etwas. Nachts musste ich mich erst einmal an die Geräuschkulisse gewöhnen. Unglaublich, wie laut Vögel, Affen, Grillen und andere Insekten im Urwald sind.

Nach einem nahrhaften Reisfrühstück ging es am nächsten Morgen direkt an die Arbeit. Wir stapften ausgestattet mit Karte, GPS, Radio-Telemetrie-Geräten und reichlich Wasser in den Wald. Nach einem 30-minütigen Marsch erreichten wir unser Forschungsgebiet. Wir arbeiteten mit zwei Lemurenarten, Avahi occidentalis und Lepilemur edwardsi, die zur Gruppe der Feuchtnasenaffen gehören. Wir kontrollierten die Schlafplätze unserer besenderten Tiere und nahmen Proben. Am Anfang fiel es mir sehr schwer, die Affen in den Bäumen zu entdecken. Alles lenkte ab: Da saßen Chamäleons auf den Ästen oder farbenfrohe Vögel, die mich neugierig beäugten.

Aber auch an das Ungewöhnliche gewöhnt man sich mit der Zeit: Mit ein bisschen Übung entdeckte ich mehr und mehr in den Wäldern und nahm nicht nur Gestrüpp und die riesigen Spinnennetze wahr. Ich war froh, als mich aus den Ästen erstaunt zwei große, gelbe Augen eines Avahi-Affens anschauten. Oder als eine große Affengruppe, die Coquerel-Sifakas (Propithecus coquereli), durch die Wipfel der Bäume gestürmt kam. Diesen großen, wunderschönen weiß-braunen Lemuren zuzuschauen, ist ein tolles Schauspiel.

Coquerel-Sifaka4

Lemuren findet man als endemische Art nur auf Madagaskar. Hier gibt es an die 100 verschiedene Arten. Während meiner Arbeit beobachtete und untersuchte ich diese spannenden Tiere jeden Tag. Dabei wurde mir erst wirklich bewusst, wie wichtig es ist, die Wälder Madagaskars und damit den letzten Lebensraum dieser einzigartigen Affen zu schützen. Stirbt dieser Wald, dann sterben auch diese hochspezialisierten Affen, die uns Menschen nah verwandt sind. Man kann die meisten dieser Arten nicht in Zoos halten. Deshalb ist der Erhalt dieses Waldes die einzige Chance zur Rettung dieser besonderen Tiere.

Trotz dieser traurigen Erkenntnis war die Arbeit auf Madagaskar ein Abenteuer. Nach einem langen Arbeitstag gab es als Belohnung noch ein leckeres madagassisches Bier. Ein bisschen Luxus kann ja auch im Urwald mal sein.

Hannah
nepadawild@gmail.com
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