Philippinen

Ich habe die Philippinen als ein sehr vielfältiges und schönes Land kennengelernt. Nicht ohne Grund zählen ihre 7000 Inseln zu den 35 Biodiversitäts-Hotspots der Welt. Weil sie eine sehr hohe Anzahl endemischer Arten aufweisen, gleichzeitig ist ihr Lebensraum aber auch einer starken Gefährdung ausgesetzt. Ich habe 2012 für 12 Monate auf den Philippinen gelebt und hatte die Chance, ein Stück in das Leben auf den Inseln einzutauchen.

Die unterschiedlichen Landschaften der Philippinen faszinieren mich besonders. Im Norden des Landes, auf Luzon, liegen die Reisterassen von Banaue. Seit 1995 ein UNESCO-Weltkulturerbe und atemberaubend schön erstrecken sie sich bis auf 1.500 Meter Höhe. Kaum zu glauben, dass sie vor über 2.000 Jahren von dem Stamm der Ifugao in mühsamer Handarbeit errichtet wurden – mit einem perfekt erdachten Bewässerungssystem und mit einer beeindruckenden Sorgfalt. Zu Recht werden sie als achtes Weltwunder bezeichnet.

Die Visayas, eine Inselgruppe im Zentrum der Philippinen, überraschen mit ihren traumhaften Sandstränden an den Küsten und dem Regenwald, Wasserfällen und Vulkanen im Landesinneren. Von der Stadt ist die unberührte friedliche Natur meist nur eine kurze Fahrt mit dem Tricycle entfernt. Die alten klapprigen Motor-Dreiräder sind Hauptverkehrsmittel.

Palawan ist eine Insel ganz im Westen des Landes und weist wieder eine andere Wildnis auf. An den weißen Traumstränden ragen riesige Kalksteinklippen aus dem türkisen, kristallklaren Wasser – ein einzigartiger Ausblick. Und ein toller Ort zum Schnorcheln und Tauchen. Ich habe so viele Korallen und Fische wie dort noch nie zuvor gesehen. Im Süden gibt es noch völlig unberührten Dschungel und allein auf Palawan leben 230 Tierarten, viele von ihnen endemisch.

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Zu den Menschen: Es herrscht eine große Armut auf den Philippinen, die in meinem Leben dort jeden Tag präsent war. Trotzdem habe ich selten so ein herzliches, freundliches und gut gelauntes Volk wie die Filipinos kennengelernt. Es ist beeindruckend, woher die Menschen ihre Lebensfreude und Kraft schöpfen. Dort zählen andere Werte zum persönlichem Glück als in Europa: Familie und Zusammenhalt steht dort an oberster Stelle und auch der Glaube ist den Filipinos sehr wichtig. Es herrscht ein ganz anderes Tempo auf den Philippinen: Das beginnt im Straßenverkehr, in dem man nie schneller als 50 fahren kann, und geht bis zu den fast schon heiligen Mittags- und Kaffeepausen. Als Deutsche fiel es mir anfangs schwer, mich dem anzupassen, aber nach einiger Zeit konnte auch ich mich dieser Entschleunigung hingeben.

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Auch die Tierwelt der Philippinen ist einzigartig. Ich arbeitete dort in einem Zoo auf der Insel Negros, der sich zum Ziel setzt, die Wälder vor Ort zu schützen und bedrohte endemische Arten zu erhalten (Negros Forests and Ecological Foundation, Inc.). Denn auf den Philippinen ist der Raubbau an Ressourcen durch z.B. Dynamitfischerei und Bergbau, sowie die Abholzung der Wälder aufgrund von Palmöl- und Zuckerrohrplantagen ein großes Problem. Die Monokulturen verdrängen die Diversität der Regenwälder und den Tieren wird der Lebensraum genommen. Nachhaltigkeit ist auf den Philippinen leider noch kein populärer Begriff, was in einem Land, das Mühe hat, seine eigene Bevölkerung zu ernähren, auch irgendwo nachvollziehbar ist. Außerdem bleibt Korruption ein großes Problem. Die Oberschicht besteht aus einigen reichen und alteingesessenen Familien, die viel Macht ausüben. In den Firmen der fünfzehn reichsten Familien des Landes wird über die Hälfte des Bruttosozialprodukts erwirtschaftet. Nicht nur materieller Reichtum, sondern auch politische Positionen werden von Generation zu Generation weitergereicht.

Ein wichtiger Schritt in Richtung Umweltschutz und Nachhaltigkeit auf den Inseln stellt für mich die Umweltbildung dar. Was für Arten leben überhaupt im eigenen Land und warum ist es so wichtig, sie zu schützen? Wieso betrifft es jeden einzelnen? Was bedeutet nachhaltige Landwirtschaft und wie kann der Mensch im Einklang mit der Natur leben? Dazu kann ein Zoo beitragen. Um über den Reichtum des eigenen Landes an Natur und endemischer Artenvielfalt aufzuklären. Um Wiederaufforstungsprojekte zu starten. Und um für einen umweltbewussten Lebensstandard zu sensibilisieren. Trotzdem wurde mir in diesem Jahr deutlich, wie schwer es ist, in einem Land für den Umweltschutz zu arbeiten, in dem die Menschen in vielen Regionen selbst noch um das Überleben kämpfen und auf Jobs auf den Palmölplantagen angewiesen sind, um ihre Familien zu ernähren.

Ein anderes Forschungsprojekt, an dem ich auf den Philippinen mitarbeitete, war die Dokumentation der Kultur, Traditionen und des Wissens eines indigenen Stammes. Das Dorf Tan-awan mit seinen 7.300 Einwohnern liegt in den Bergen an einem der längsten Flüsse der Insel und ist relativ abgeschottet vom modernen westlichen Einfluss. Obwohl die Eingeborenen zum Stamm der Bukidnon gehören, sind einige ihrer kulturellen Bräuche einzigartig. Viele Einwohner leben im Hinterland und betreiben Ackerbau. Das durchschnittliche Familieneinkommen liegt bei 2.000,- Php pro Monat, das sind ca. 37,50€.

Im Rahmen des Projekts lebten wir Forscher für einige Zeit mit den Einheimischen des Dorfes zusammen, nahmen Anteil an ihren täglichen Routinen, führten mit Hilfe von Übersetzern Interviews mit Stammesältesten und Medizinmännern, verfolgten den wöchentlichen Handel am Fluss, lauschten Legenden und Liedern und nahmen an Feierlichkeiten teil. Ziel war es, kulturelle Praktiken wie Sprache, Kunst und Essenszubereitung, sowie Handel, Wirtschaft und medizinische Praktiken des Dorfes von Tan-awan kennenzulernen. Denn auch in diesen ländlichen Gebieten werden westlicher Einfluss, moderne Kommunikation und Technologie immer präsenter und das Bewusstsein der Einwohner über ihre eigene Kultur nimmt ab. Es ziehen jedes Jahr mehr Bewohner in die umliegenden Städte und lassen ihre Heimat mitsamt der Traditionen und des Wissens zurück.

Traditionell ist in Tan-awan zum Beispiel »Barter Trading«, ein Handel, der jeden Freitag in der Früh an den Ufern des Ilog-Hilabangan Flusses stattfindet. Der Fluss ist Quelle für viele Tausend Menschen der Provinz. Das Flussufer wird Ort des Handels für Bauern und Bewohner aus der Umgebung und ist für viele der einzige Weg, an Lebensmittel und Güter zu kommen. Um 4:30 Uhr beginnt das Schauspiel am Flussufer. Anfangs bauen wenige Menschen in der Dunkelheit Ihre Stände auf und laden ihre Waren ab. Langsam tauchen die Bergspitzen in Sonnenlicht und die ersten Frauen, Männer und Kinder überqueren den Fluss. Manche kommen zu Fuß, ihre Ware auf dem Kopf balancierend, manche reiten auf Ponys vollbepackt mit Säcken und Bananenstauden, andere auf ihrem Carabao (Wasserbüffel). Sie haben einen langen Weg hinter sich. Sogar viele Kinder bringen auf ihrem Weg zur Schule Waren am Ufer vorbei.

Es ist 6 Uhr und es herrscht reges Treiben. Überall gibt es »native coffee« und »sticky rice« (klebriger, süßer Reis verpackt in Bananenblätter). Bald erscheint das erste »Balsa« hinter der Flussbiegung, ein selbstgebautes Floß aus Bambus. Auf dem Floß sind neben den Händlern und Lebensmitteln auch Hühner oder Schweine zu erkennen. Immer mehr Balsas legen an. Ein Feld etwas abseits des Ufers wird zum Marktplatz umfunktioniert. Das Angebot ist riesig: Obst, Gemüse, getrockneter Fisch, Reis, Kleidung, Schrauben, Seife und vieles mehr. Früher wurde mit den Gütern nur getauscht, heute wird Geld gewöhnlicher. Am Rande sind Eaterys aufgebaut, kleine Stände, an denen Essen angeboten wird: Reis, Chicken Adobo, scharfes Gemüse und Kokoswein, dazu wird lauthals Karaoke gesungen.

Zur Feier des »Barter Trades« findet einmal im Jahr das »Balsahanay Festival« statt. Zu diesem Anlass kommen alle Bewohner der umliegenden Dörfer und aus den Bergen nach Tan-awan. Die Festlichkeiten gehen über drei Tage. Es beginnt freitags mit den wöchentlichen Marktaktivitäten, viele Reden werden gehalten und abends gibt es einen Schönheitswettbewerb für die jungen Mädchen, bei dem die Miss Tan-awan gewählt wird. Samstag finden viele Spiele und Wettkämpfe statt. Sonntag gibt es zum krönenden Abschluss eine feierliche Zeremonie am Flussufer mit Musik und Tänzen. Viele Familien kommen auf ihren festlich geschmückten Balsas den Fluss entlang. Anschließend zieht eine Prozession zu der Kirche des Dorfes und es wird zusammen Gottesdienst gefeiert. Am Nachmittag gibt es eine Parade durch die Straßen und ein Tanzkontest der Schüler aus der ganzen Region. Mit farbenprächtigen selbstgebastelten traditionellen Kostümen stellen die Kinder die Traditionen dar und am Abend werden »Prince und Princess of Balsahanay Festival 2012« gekrönt. Was für ein spektakuläres Festival.

Hannah
nepadawild@gmail.com
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