Schweden

Seit meiner Kindheit, fahre ich nach Schweden. Damals häufig mit Familie und VW-Bus in den Sommerferien, später dann mit den Pfadfindern oder Freunden. Wildes Zelten. Blaubeeren pflücken und ewig auf dem kleinen Gasgrill zubereiten. Am Bachlauf spielen, in kalten, ruhigen Seen schwimmen und sich anschließend auf den warmen Felsen wieder aufwärmen. Klar kannte ich schon damals all die Astrid Lindgren Geschichten (Ronja Räubertochter blieb meine große Heldin), schwärmte für warme Zimtschnecken und rostrote Schwedenhäuschen, aber vor allem liebte ich diese raue, skandinavische Natur. Nadelwälder, so weit das Auge reicht. Moosbewachsene Felsen, einsame Inseln und kurze Sommer.

Unzählige kleine, einsame Inseln verteilen sich über den großen See.

Am meisten beeindruckten mich damals die langen Kanutouren. Im Nachhinein bewundere ich den Mut meiner Eltern: 10 Tage lang mit zwei Kanus, zwei Kindern, zwei blauen mit Essen gefüllten Tonnen, zwei Zelten und einem Dackel auf dem Wasser unterwegs zu sein, ist wahrlich eine Herausforderung. Doch jedes Mal ein voller Erfolg.

Das Gefühl, mit einem Kanu über einen seelenruhigen See zu paddeln, ist einmalig. Lautlos gleite ich durch die Natur. Nehme Bäume, Tiere und Landschaft intensiv war. Und lasse die Seele baumeln. Hier herrscht eine andere Zeit. Wir richten uns nach Wind, Wetter und eigenen Kräften. Zur Mittagsrast wird ein feines schattiges Plätzchen am Ufer gesucht. Ich lerne eine Seekarte zu lesen und verfolge gespannt unsere Route auf dem Papier. Ein Highlight sind immer die Schleusen. Zwischen all den Motorboten und Yachten gehen wir mit unseren kleinen Kanus etwas verloren. Hastig versuchen wir, dem sinkenden Wasserstand zu folgen und uns Stufe für Stufe zu stabilisieren.

Langsam färbt die untergehende Sonne die Bäume rot. Ganz dunkel wird es hier kaum.

Gegen Nachmittag geht es auf Schlafplatzsuche: Wer findet die schönste Insel, die beste Lichtung oder den prächtigsten Ausblick zum Zelte aufbauen? Eine ebene Fläche ohne Steine und Wurzeln wäre auch nett. Manchmal sind wir schon beim ersten Anlegen erfolgreich. Oft dauert es aber lange, bis alle zufrieden sind. Die Boote werden ausgeladen, Zelte aufgebaut, die Hängematte aufgehängt und Feuer gemacht. Vielleicht ist jemand beim Angeln erfolgreich und heute gibt es zu Tütensuppen und Reis auch mal gegrillten Fisch?

Bei diesem Anblick begann ich selbst an Graugnome, Wilddruden und Rumpelwichte zu glauben.

Die Abendstimmung ist besonders schön. Windstill liegt der See spiegelglatt vor mir, der Himmel färbt sich rot und es herrscht eine herrliche Ruhe. Dunkel wird es hier oben im Norden nur wenige Stunden. Nach dem Essen wird noch lange am Lagerfeuer gesessen, gesungen oder den Geräuschen der Natur gelauscht.

Auch der Morgen hat seinen eigenen Zauber hier draußen. Nebel tanzt auf dem Wasser und die Vögel erwachen aus ihren Träumen. Nach einer kurzen Dusche im kalten See, bin ich blitzschnell wach. Mit biologisch abbaubarer Seife wird sich gewaschen und mit Klappspaten suche ich mir ein stilles Örtchen (mit Ausblick) für das Morgengeschäft. Alles Rituale, die mir damals wunderbar natürlich vorkamen.

Und dann gibt es noch die langen, grauen Regentage. Anfangs, sind die prasselnden Tropfen auf das Zeltdach noch gemütlich, aber nach einigen Stunden halte ich es in dem kleinen Zelt nicht mehr aus. Alles ist nass, feucht und kalt. Ich sehne mich nach einem trockenen Handtuch oder einem Dach über dem Kopf. Das Feuer geht nicht mehr an. Nach solchen Tagen ist der erste Sonnenstrahl, der wieder durch die Wolkendecke dringt, ein noch größeres Geschenk.

Nach zwei Regentagen ist auch das letzte Hemd nass geworden und der Schlafsack klamm.

Diese Urlaube in Schweden haben mich nachhaltig geprägt. Schon früh durfte ich die Schönheit und Unberührtheit von Natur kennen lernen und hautnah erleben. Ich glaube, auch schon Kinder, lernen so ihre Sinne zu schärfen, und sorgsam mit ihrer Umwelt umzugehen. Ein Leben im Einklang mit der Natur. Danke Mama und Papa, für diese einmaligen Erfahrungen.

Mit dem Kanu lautlos durch die Natur paddeln. Seele baumeln lassen und Ruhe genießen. Hier herrscht eine andere Zeit.
Hannah
nepadawild@gmail.com
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