Süße Ananas – bitterer Beigeschmack

Als ich die letzten Weihnachtseinkäufe mit meiner Familie im Supermarkt erledige, bin ich verwundert, als wir den Obstbereich des Rewe-Centers erreichen. Zwischen all den weihnachtlichen Mandarinen, Clementinen und Äpfeln werden haufenweise Ananas angeboten. Aktionspreis: eine große, dicke Ananas für nur 1,99 €. »Tropical Gold« direkt aus Costa Rica. Super Sweet. Super Lecker. Irgendwie versaut mir dieser Anblick den Einkauf. Das große sonnige Dole Zeichen hinterlässt ein mulmiges Gefühl in der Magengegend.

Ananas für 1,99€? Was ist der wahre Preis für die Luxusfrucht?

Ich war diesen Sommer für einige Wochen in Costa Rica und habe mich viel mit dem Ananasanbau vor Ort auseinandergesetzt. Das Land ist bekannt für seine tropischen Regenwälder und seine außerordentliche Biodiversität. Erst seit circa 30 Jahren hat die Ananas-Industrie hier einen großen Boom erfahren. Mittlerweile kommen dreiviertel aller Ananas, die wir in unseren europäischen Supermärkten kaufen, aus Costa Rica, einem Land so groß wie Belgien. Die meisten produziert von den zwei größten Unternehmen, die den Welthandel dominieren: Dole und Del Monte.

Doch die »super sweete Ananas« bekommt einen bitteren Beigeschmack, sobald ich mich mit den Folgen ihres Anbaus auseinandersetze. Massive Umweltschäden, Chemikalienvergiftung, und Armutslöhne sind die Realität. Die Luxusfrucht braucht in den großen, tropischen Monokulturen eine enorme Menge an Pestiziden, um überhaupt wachsen zu können. 15 – 16 chemische Behandlungen sind nötig, viele davon mehrmals, um die Pflanze so ertragreich anpflanzen zu können. Der Boden wird sterilisiert. Die biologische Vielfalt eliminiert. Außerdem werden, laut »The Guardian«, Chemikalien genutzt, die äußerst gefährlich für Natur und Gesundheit der Menschen sind. Die meisten davon in der EU überhaupt nicht erlaubt. Giftige Organophosphate, Organochlorine und Stoffe, die den Hormonhaushalt stark beeinflussen. Jeder von uns hat die Glyphosat-Debatte in Deutschland mitbekommen. Aber die extrem gespritzten und chemisch behandelten exotischen Früchte aus dem Supermarkt essen wir ohne Bedenken?

Die Frucht muss mit enorm vielen Pestiziden behandelt werden, um ertragreich zu wachsen. Der Boden wird sterilisiert. Die Vielfalt an Tieren und Natur wird eleminiert.

Ich sprach selbst mit Angehörigen von Plantagenarbeitern und mit Bewohnern angrenzender Häuser und auch mein Gastbruder tischte mir Horrorszenarien auf. Es kam schon zu diversen chemischen Unfällen auf den Plantagen. Angrenzende Flüsse wurden verseucht, das Grundwasser kontaminiert. Es leben nur noch wenige Fische in den Gewässern in der Umgebung und die Anwohner müssen ihr Trinkwasser sogar aus externen Tanks beziehen, wenn das Grundwasser wieder als unsauber deklariert wird. Warum man dagegen nichts tue? Das Problem sei, dass die meisten Ananasplantagen in privatem Besitz sind. Die Besitzer haben großen politischen und wirtschaftlichen Einfluss, dagegen komme die Costa Ricanische Regierung nicht an.

Es kommt häufig zu chemischen Unfällen auf den Plantagen. Angrenzende Flüsse werden verseucht, das Grundwasser kontaminiert.

Traurig war auch die Erkenntnis, dass diese Industrie dem Land noch nicht mal besonders gut tut. Ich dachte, mit all den Plantagen würden wenigstens viele Arbeitsplätze für Einheimische geschaffen, aber mein Gastbruder erzählt mir, dass aufgrund der viel zu geringen Löhne, kaum noch Costa Ricaner dort arbeiten. Von dem Gehalt könne in diesem teuren Land keiner leben. Die meisten Arbeiter kämen aus Nicaragua.

Nördlich von Limón, der Provinz auf der karibischen Seite Costa Ricas, begrüßt mich eine einheitliche, landwirtschaftlich geprägte Landschaft. Kaum zu glauben, dass ich eine Stunde zuvor noch durch den dichten Regenwald von Cahuita gelaufen bin und Tiere beobachtete. Kilometerlange Bananenplantagen reihen sich hier aneinander, abgelöst von Ananas. Die Früchte sind eingepackt in blaue Plastiksäcke, die überall am Straßenrand herumfliegen, als wir durch die Plantagen fahren. Ein trauriger Anblick. Mein Gastbruder erklärt, dass die Tüten einerseits die Früchte vor dem extrem schädlichen Pesitiziden schützen sollen, die breitflächig mit Flugzeugen über die Plantagen verteilt werden. (Komisch, der Boden und die umliegende Natur sind wohl nicht so schützenswert?) Und andererseits dienen sie dem Schutz vor Fressfeinden. Schade, dass so den Tieren auch noch die letzte Nahrungsquelle genommen wird. Nachdem ihr Lebensraum abgeholzt und durch die riesigen Monokulturen zerschnitten wurde.

Die großen Monokulturen zerschneiden den Lebensraum der hier lebenden Tiere und vergiften ihnen die letzte bleibende Nahrungsquelle.

Abgesehen von den erschreckenden Auswirkungen des intensiven Ananasanbaus auf die Arbeiter und Anwohner, betrübt mich der Anblick dieses toten Landes und die furchtbaren Auswirkungen auf die hier zuvor lebende Tierwelt zu tiefst. Costa Rica gilt als eines der artenreichsten Länder der Welt. Es hat eine umweltbewusste Politik, unterstützt Nationalparks und erneuerbarer Energien aus eigener Tasche und setzt sich stark für Ökotourismus ein. Aber sobald eine Fläche nicht unter Naturschutz steht oder in privatem Besitz ist, wird sie intensiv bewirtschaftet und ohne Rücksicht auf die Umwelt genutzt? Was ist mit der Nachhaltigkeit? Kann man eine solche Fläche nicht landwirtschaftlich nachhaltig und umweltfreundlich nutzen? Wäre eine angemessene Bezahlung der Arbeiter nicht nachhaltiger für das Land und den Markt? Können wir als Europäer selbst Einfluss nehmen, indem wir keine Ananas im Supermarkt für unter 2€ kaufen und auf Güte Siegel achten, welche die drei Säulen der Nachhaltigkeit: Umweltschutz, soziale Gerechtigkeit und Wirtschaftlichkeit unterstützen?

All das geht mir durch den Kopf, als wir vor den Obstbergen im Rewe Center stehen. Und, dass mein Costa Ricanischer Gastbruder in seinem eigenem Land, dem Land der exotischen Früchte und tropischen Regenwälder, selbst keine Ananas mehr essen will, lässt mich erschaudern. Nein, lass uns dieses Jahr keine Ananas für Weihnachten kaufen.

In den an die Ananasplantagen angrenzenden Gewässern leben nur noch wenige Tiere. Anwohner haben mit gesundheitlichen Schäden zu kämpfen.
Hannah
nepadawild@gmail.com
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